Bitte keine Faxen machen!

Die Kinder haben Ferien. Das ist schön, da kann ich ausschlafen. Niemand muss geweckt werden, niemand ist in die Schule zu fahren. Herrlich!
Ich träume. Es muss etwas Schönes sein.
Plötzlich rennen die kleinen dicken Nervenzellenmännchen aufgeregt durcheinander. Sie stoßen zusammen, prallen voneinander ab, rappeln sich wieder auf und benehmen sich wie aufgescheuchte Hühner. Etwas muss passiert sein.
Telefon.
Mühsam klappe ich ein Auge auf.
Telefon.
Mangels Brille kann ich nicht erkennen, wie spät es ist. Ich robbe mich halb aus dem Bett, bis ich die rotleuchtende Digitalanzeige verschwommen erkennen kann: Fünf Uhr achtundvierzig.
Telefon.
Mich durchzucken Gedankenfetzen. Mein Liebster schwebt überm Atlantik, der kann es nicht sein. Moment - vielleicht ruft man mich an, weil er nicht mehr schwebt? Ich plumpse auf den Boden und mache mich auf den Weg zum Telefon, das einige Meter weiter entfernt in meinem Büro steht.
Telefon. Im ganzen Haus. Auf fünf Apparaten.
Oder es ist was mit meiner Mutter.
Schlaftrunken den Hörer von der Gabel gerissen, meinen Namen genuschelt.
Piiiiieeeeeep. Piiiiiieeeeep.
Da versucht doch tatsächlich jemand um zehn vor sechs Uhr morgens an einem Ausschlaf-Ferientag ein Fax zu senden. Auf mein Telefon. Das Faxgerät steht unverkabelt im Erdgeschoss. Technische Probleme, länger schon. Hat da jemand eine uralte Visitenkarte benutzt?
Vorsichtshalber nehme ich den fliegenden Sprechknochen mit hinüber ins Bett. Meine Nerven- und Blutzellenmännchen veranstalten noch immer eine wirre Party in mir. Das Herz pocht wie verrückt. Ich bin sauer.
Ich habe mich noch nicht ganz abgeregt, da klingelt es wieder.
Diesmal bin ich schneller, nur zweimal klingelt das Telefon durch das ganze Haus.
Piiiieeep.
Ausschalten.
Ich bin jetzt hellwach.
Die Nummer muss irgendwo aus BaWü stammen. Ob ich sie aufschreibe?
Ich entscheide mich dagegen. Gehe die Treppe hinuter zu unserer Technikstation. Ich möchte das Hauptkabel aus der Dose ziehen. Viele Kabel, viele Geräte. Ich ziehe hier und dort, lausche jedesmal in den Hörer. Telefonleitung summt munter weiter. Vermutlich ist das Hauptkabel eines derjenigen, die fest mit dem ISDN-Teil oder dem Spliltter oder mit weiß der Geier was verkabelt sind und über keinen Westernstecker verfügen. Mist.
Telefon.
Piiiiiiep.
Schnauze.
Ausschalten.
Auf dem Weg zurück ins Bett überlege ich, wie ich dem Terrorfaxer klarmachen kann, dass es bei mir keine Faxen zu machen gibt. Doch die Faxnummer aufschreiben, die mich aus dem Display anleuchtet? Und dann brutal zurückfaxen? Aber mein Faxgerät schläft ja. Meine Familie auch. Nur ich nicht.
Telefon.
Piiiiiieeeep.
Ausschalten.
Ich verfalle in Lethargie. Es keimt eine leise Hoffnung auf, dass der Faxer aufgeben wird. Die Pause ist länger als sonst. Mein Zeigefinger liegt direkt auf dem Ausschaltknopf des schnurlosen Telefons.
Beim nächsten Klingeln höre ich mir das höhnische Piiiieeep gar nicht erst an, drücke gleich die digitale Gabel runter.
Viertel nach sechs.
Ich springe wutschnaubend aus dem Bett. Reiße im ganzen Haus die Hörer von den Gabeln, gehe endlich wieder schlafen. Die Nervenzellenmännchen gehen nach und nach wieder ihren angestammten Aufgaben nach. Ich dämmere langsam weg.
Nur den schönen Traum finde ich nicht wieder.

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Kommentare:


Wahrscheinlich wars einfach ein fieses Werbefax. Zum Zurückfaxen kannst du freie Faxdienste nehmen. Nehm ich auch immer wenn ich mal was faxen muss denn.. wie du so schön sagst.. technische Probleme ;-)
Bei manchen kann man sogar ein PDF hochladen und faxen. Gut wenn man unterschriebene Faxe wegschicken muß und zwar einen Scanner hat, aber eben kein Fax..

Mela  am  15. Oktober 2006



Ja, danke, stimmt, ich hatte auch mal irgendwann so einen Faxdienst. Allerdings einen, der nicht wirklich funktioniert hatte *g*

Und mit dem Werbefax wirst du wohl Recht haben…

——-

petra.bauer  am  16. Oktober 2006




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