Machen Verlage die Autoren kaputt?

Schreiben & VeröffentlichenMachen Verlage die Autoren kaputt? Die Frage klingt ein bisschen provokant und so soll es ja auch sein. Ich hätte ebensogut fragen können: Machen Imprints die Autoren kaputt? Oder Machen Trends die Autoren kaputt? Und was meine ich überhaupt mit "kaputt"?

Zunächst einmal: Man setze zwei oder mehrere Autoren zusammen und sie beginnen zu klagen. Da nehme ich mich keinesfalls aus, denn es gibt ja auch genug zu jammern. Die einen lamentieren über die wachsende Welle der Selfpublisher - früher bei Print on Demand heute bei Ebooks, die ohnehin für manche Autoren das Ende der Welt bedeuten, während andere Kollegen es als Chance auf eine völlig neue (zusätzliche) Leserschaft sehen. Wir schimpfen über Verlage, die viel Geld für Buchveröffentlichungen von den Autoren verlangen und über Veranstalter, die kein Honorar für Lesungen zahlen wollen. Andere regen sich über Amazon (jetzt sowieso) und das Bewertungssystem auf. Ein sehr großer Teil der Autorenschaft schimpft aus diversen Gründe auf die Verlage.

Aber alle sind sich einig: Dieses Warten auf den nächsten Trend ist die Pest.

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Der Otto-Normalleser geht vermutlich noch immer davon aus, dass ein Schriftsteller eine Geschichte erzählen möchte, die einfach “raus” muss und mit diesem Manuskript dann einen Verlag sucht. Und wenn das Buch bei der Leserschaft gut angekommen ist, gibt es eine Fortsetzung oder ein weiteres, davon unabhängiges Buch. So war das früher mal, und bei manchen Autoren ist es auch heute noch so. Die Chance, dass es genau so läuft, ist allerdings bei kleinen Verlagen, die aus Idealismus gegründet werden, höher als bei den Publikumsverlagen, die sich den Gesetzen der Marktwirtschaft unterwerfen müssen. Denn dort wartet man schon lange nicht mehr auf eine gute, ungewöhnliche Geschichte, abseits von jedem Trend und jeder Schublade (auch da gibt es Ausnahmen, aber ich will ja hier von dem sprechen, was eher häufig passiert, also bitte ich auch im Folgenden die Verallgemeinerung zu entschuldigen).

Marktgerecht schreiben

In den großen Verlagen veröffentlicht man Autoren, die den jeweils angesagten Trend gerade am besten bedienen können. Auftragsschreiber im weitesten Sinne. Denn auch Agenturen nehmen nur noch Exposés an, bei denen sie sicher sind, dass “die Verlage das gerade suchen”. Und die Verlage suchen das, was die Leser wollen. Denken sie. Und dann veröffentlichen sie so lange immer neue Bücher im selben Stil (historische Liebesromane mit immer gleichen Titelbildern, Vampire, Engel, Harry-Potter-Derivate, Dystopien, Sado-Maso-Storys, achja und nicht zu vergessen, noch mehr Vampire ...)  bis auch die Leser es nicht mehr sehen können. Das führt dann zu frustrierten Autoren. Denn wer zum ersten Mal in einem Publikumsverlag veröffentlicht wird, denkt rasch es “geschafft” zu haben. Die große Ernüchterung folgt, wenn es bei diesem einen Buch im Verlag bleibt, weil die Verkäufe weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Denn viele der Manuskripte wurden angenommen, um die große Nachfrage zu befriedigen. Die Nachfrage hat aber längst nachgelassen, wenn das Buch dann endlich veröffentlicht ist. In diesem Zusammenhang ist schon häufiger hinter vorgehaltener Hand das Wort Kanonenfutter gefallen.

Die Leser, die den Trend zunächst vielleicht wirklich mochten, bekommen dann für lange Zeit kaum etwas anderes. Denn WENN in der Verlagslandschaft erst einmal etwas als das Next Big Thing ausgemacht wird, der neue Trend, auf den alle lauern, und dafür meist nach Amerika schielen, dann stürzen sich auch alle Publisher drauf. Und reizen es aus bis zum Geht-nicht-mehr. Dumm für alle Autoren, die wirklich gute Geschichten mit anderen Themen in den Schubladen haben.

Zu früh, zu spät, zu komplex, zu Fantasy

Und so kommt es dann, dass Autoren mit Exposés zu spät (“Vor vier Jahren hätten wir das noch untergebracht!”) oder zu früh (“Vielleicht kommt das ja bald, aber die Verlage warten noch ab.”) bei ihren Agenten aufschlagen. Auch gerne genommen: “Das kann man keinem Genre zuordnen. Da wissen die Buchhändler ja nicht, wo sie es hinstellen sollen.” Und auf der Beliebtheitsskala ganz oben steht: “Bloß nichts mehr mit Fantasy!”

Nun wird Fantasy schon seit Jahren totgesagt, obwohl viele Leser phantastische Elemente in Geschichten sehr schätzen. Einige der schönsten Kinder- und Jugendbücher jenseits von Harry Potter sind Klassiker, die heute noch gerne gelesen werden, man denke nur an Pippi Langstrumpf oder Die Unendliche Geschichte. Dank Harry Potter und Twilight haben Verlage Fantasytitel und -linzenzen bis zum Abwinken eingekauft. So viele, dass sie immer noch nicht alle veröffentlicht sind. Dummerweise wollen Leser keine Vampirbücher mehr lesen. Ich bin nicht sicher, ob v.a. die Vampir-Schwemme in den Etagen der Entscheider dafür gesorgt hat, dass möglichst überhaupt keine Phantastik in Kinder- und Jugendbüchern mehr vorkommen darf.

Bei Young Adults sieht es schon wieder anders aus. Zum Teil sind eigene Imprints dafür gegründet worden

Imprints und Altersangaben

Imprints werden gegründet, um ein Verlagsprogramm in mehrere Segmente aufzuteilen.

Wikipedia erklärt Imprints so:

Ein Imprint ist im Verlagswesen eine Wortmarke, die im Buchhandel wie ein Verlag gehandhabt wird. Hinter ihr steht jedoch ein anders benanntes Verlagsunternehmen. Imprints dienen primär dem Marketing gegenüber dem Buchhändler und dem Endkunden. Den tatsächlichen Verlag nennt immer das Impressum. Große Verlage setzen Imprints ein, um ihr Verlagsprogramm in mehrere Segmente aufzuteilen. Imprints werden meist mit eigener Programmvorschau und weiteren Marketingmaßnahmen präsentiert; so lässt sich beim Händler größere Aufmerksamkeit erzeugen als mit einer einzigen Programmvorschau. Viele Verlage bedienen sich Imprints, um einen neuen Programmbereich im Handel zu etablieren, ohne das Verlagsprofil zu sehr aufzuweichen.

Stand früher häufig der ganze Verlag für eine bestimmte Literaturgattung, ist es heute schwieriger geworden, sich mit einem facettenreichen Verlagsprogramm anständig am Markt zu positionieren. Also wird man kleinteiliger. Als Beispiel (ohne Wertung) nenne ich einfach mal Egmont Lyx und Egmont Ink. Egmont Ink steht für spannende, hoch emotionale Bücher für Mädchen von 12 bis 16 Jahren (bei denen - hurra! - auch phantastische Elemente erlaubt sind). Bei Egmont Lyx werden Bücher im Bereich Romantic Thrill, Romantic Fantasy und Romantic History veröffentlicht. Beide Label gehören aber zu Egmont (der Verlag hat auch noch weitere Segmente in Imprints verwandelt). Die Leser kaufen aber eben nicht irgendein Buch vom Egmont Verlag, in der Hoffnung, dass es etwas für sie sein könnte, sondern sie kaufen Lyx und wissen genau, dass etwa alle dreißig Seiten eine Sexszene auftauchen wird (bitte nagelt - Ha. Ha. - mich nicht auf die genaue Seitenzahl fest). Und die Buchhändler wissen genau, in welche Ecke sie die Bücher stellen müssen. Was offenbar ein sehr starker Faktor im Buchbusiness ist.

Eigentlich könnte das eine gute Sache sein, führt aber nach meinem Empfinden dazu, dass zu viele Bücher nach Schema F geschrieben werden.

Ich finde es viel schöner, wenn der Autor die Marke ist. Ein Autor, der seinen eigenen Erzählstil hat, und dem die Leser es nicht übelnehmen, wenn das neueste Werk mal mehr historischen Hintergrund hat oder mal fantasylastiger ist. Dem ein Verlag auch mal Experimente gestattet. Nur muss er dafür seinen Namen erst einmal etabliert haben. Und das ist heute schwieriger denn je.

Shooting Star versus langsam aufgebauter Autor

Da gibt es natürlich die 8-Seiten-Vorschau-Autoren, die quasi aus dem Nichts auftauchen (auch wenn sie vorher schon diverse Bücher veröffentlicht haben, die aber eine kleinere Leserschaft hatten). Ich gönne es ihnen von Herzen, doch auf diesen Autoren liegt leider auch eine große Last. Denn es kann passieren, dass sich die Bücher trotz der Werbung nicht so verkaufen, wie geplant. Weil das Buch vielleicht in mehreren Foren schlecht besprochen wird. Oder weil das Genre noch zu “neu” ist und die Leute nicht drauf anspringen. Und WENN es sich so verkauft, wie erwartet - oder gar besser - dann steigt der Druck, das nachfolgende Buch (denn Folgeverträge sind bei diesen Größenordnungen ziemlich schnell auf dem Tisch; das ist der langen Produktionsdauer geschuldet) noch besser zu schreiben. Auch das ist nicht unbedingt der Kreativität zuträglich.

So cool solche Verträge mit Werbeschwerpunkt (und entsprechenden Vorschüssen, I guess) auch sein mögen, in gewisser Weise machen sie auch Angst. Ein sich langsam etabliert habender Autor mag auch mal ein Buch schreiben, das vielleicht aufgrund des Themas nicht so ankommt, wie der Verlag es erwartet haben mag. Vielleicht bleibt auch mal eine ganze Trilogie ein Stück hinter den Erwartungen zurück. Aber, neues Spiel, neues Glück. Wenn man einen Namen und eine starke Fanbase hat, läuft es beim nächsten Versuch wieder besser.

Leider bekommen die wenigsten Autoren heute noch genug Zeit sich zu etablieren, weil eben die Verlage nur noch den neuesten Trends hinterherhecheln. Was ich durchaus verstehe, wenn man den wirtschaftlichen Hintergrund betrachtet. In der Mode- oder Tech-Branche (nur um mal Beispiele zu nennen) ist es ja nicht anders. Nur bleiben leider die Autoren auf der Strecke.

Was tun mit den Schubladen voller Ideen?

Um bei der Fantasy bzw. Manuskripten mit phantastischen Elementen zu bleiben - da ist der Frust unter Autoren besonders groß, weil etliche der größeren Verlage - wie erwähnt - diese Storys inzwischen fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. Diverse Kollegen sagen inzwischen, ok, wenn die großen Verlage nicht wollen, gehen wir eben wieder zu den kleinen. Oder es gibt Überlegungen, dass sich Fantasyautoren, die bereits eine starke Fangemeinde besitzen, sich zusammenschließen und mit dieser “Fanpower” einen kleineren Verlag “groß” (oder zumindest bekannter) machen. Auf jeden Fall bedeutet es für Autoren, finanziell zurückzustecken. Oder aber marktgerecht an den eigenen Wünschen vorbei zu schreiben und die guten Geschichten, die leider nicht im Trend liegen, auf ewig auf der Festplatte verstauben zu lassen. Viele meiner Autorenkollegen sind mittlerweile wirklich entmutigt.

Ich bekam inzwischen von mehreren Seiten den Tipp, mein aktuelles Manuskript einem bestimmten Imprint anzubieten, zu dem es gewiss hervorragend passend würde. Aber ganz ehrlich - ich hätte Angst, dann für immer und ewig genau so schreiben zu müssen. Und dabei ist es doch gerade die Vielfalt, die meinen Beruf ausmacht. Die Chance, meiner Kreativität freien Lauf lassen zu können. Deshalb sind wir doch Autoren geworden. Weil wir den Lesern gute Geschichten erzählen wollen. Geschichten, die sie überraschen. Und keine, bei denen klar ist, aha, das erscheint bei dem Verlag / Imprint, also kann ich mich auf spitze Zähne gefasst machen. So vergibt man auch die Chance, Leser für sich zu gewinnen, die sich nicht auf ein ganz bestimmtes Genre fokussiert haben.

Ebooks als Alternative?

Aufgrund der oben genannten Self-Publisher-Schwemme, halte ich es derzeit für kontraproduktiv Herzensprojekte als Ebook zu “verschleudern”, weil sie in der Masse derjenigen, die “unbedingt mal ein Buch schreiben” wollten, vermutlich untergehen wird, wenn man keinen großen Namen hat. Für mich sähe ich den Ebook-Markt derzeit eher als zusätzliche Möglichkeit vergriffene Bücher wieder aufzulegen. Oder für Autoren, die überhaupt kein Interesse daran haben, ihr Buch einem Verlag anzubieten - was es ja auch gibt. Letztlich ist es Geschmackssache, denke ich. Aber wenn man von der herkömmlichen Veröffentlichung als Papierbuch ausgeht, dann werden die Entfaltungsmöglichkeiten eben immer weniger. Ich verstehe die Verlagsseite durchaus, aber wir Autoren würden uns freuen, wenn trotz allem wieder mehr im eigenen Land nach tollen Büchern gesucht wird, die nicht schon von den Agenten im Vorfeld aussortiert werden müssen, weil “die Verlage sowas gerade nicht wollen”. Wer sagt denn, dass nicht irgendwo ein Vampirbuch schlummert, das völlig anderes ist als alle anderen, die bisher erschienen sind? Oder eine Geschichte, die mehrere Genres bedient und deshalb nach landläufiger Meinung nirgendwo hinein passt?  Möglicherweise ist es aber genau das, was die Leser gerade wollen und nirgendwo in den Buchhandlungen finden. Mit ein wenig mehr Mut, gibt es dann vielleicht zur Abwechslung einen deutschen Trend, der in die USA schwappt? Dem Vernehmen nach, kommt nämlich auch aus Amerika derzeit nicht das Next Big Thing, nach dem alle gieren.

Man kann auch Flauten und Frust auf dem Buchmarkt generieren, in dem man den Kreativen Fesseln anlegt.

Wie empfindet ihr Leser das? Mit vielen habe ich schon darüber gesprochen, aber hier liest sicher der eine oder andere mit, der seine ganz eigene Meinung zu Trends auf dem Buchmarkt hat. Wollt ihr wirklich immer das gleiche lesen? Seid ihr zufrieden damit, was euch Verlage als hip und angesagt präsentieren? Oder sucht ihr lieber nach den Perlen? Habt ihr Lieblingsautoren, die schreiben dürfen, was sie wollen, und euch trotzdem jedes Mal begeistern?

Und auch zum Schluss nochmal: Ich habe hier absichtlich vieles verallgemeinert, einfach, weil mir diverse Punkte davon immer und immer wieder sowohl bei der Kommunikation mit Agenten und Verlagen als auch in Gesprächen mit Kollegen und Lesern begegnen. Was nicht heißt, dass es nicht auch anderes laufen kann. Ich freue mich auch über Gegenbeispiele in den Kommentaren. Auf eine kontroverse Diskussion!

Liebe Grüße

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Kommentare:


Und nein, ich schreibe gerade KEIN Vampirbuch ;-)

Petra  am  22. Februar 2013



Hallo Petra,

ein sehr, sehr interessanter Artikel. Ich habe da auch schon so einige Horrorstories gehört. Zum Beispiel, dass gerade jungen Autoren ein “Happy End” schon meist mit im Vertrag vorgegeben wird.
Das setzt dem guten, alten Realismus natürlich direkt mal ein Ende.

Ich würde mir auch mehr Mut von den Verlagen wünschen - für junge Autoren, die ihren Idealen treu bleiben dürfen.

Herzliche Grüße, Laura

Laura  am  22. Februar 2013



Hallo Petra,

na gut - dann mal ein Diskussionsbeitrag :-)

Warum glauben Autoren nur immer, Verlage seien ihnen (und nicht dem Wettbewerb) verpflichtet? ;-) Und Leser hätten eine große Bindung an (auch noch weitgehend unbekannte) Autoren oder bestimmte Verlage? Die Imprints sind für Verlage ja gerade deshalb wichtig, weil kaum ein Leser überhaupt weiß, von welchem Großverlag das TB stammt, das er gerade liest. Und gute Autoren, denen ich als Leser “folge” und die konstant und regelmäßig Qualität liefern, sind rar.

Kreativität steht Wirtschaftlichkeit immer entgegen: Große Verlage interessieren vor allem große Märkte, nicht kleine Nischen (oder solche, die es bislang nur in der Fantasie/Schublade des Autors gibt). Das ist bei Joghurtsorten, Haarshampoo und Geschmacksrichtungen (ja, sogar Verpackungen) von Schokolade nicht anders. Verlage sind wirtschaftende Einheiten!

Und da würde der kreative Autor doch nur stören: 99%ig ein Misserfolg, 1% auf Sieg ... neee, da bräuchte es dann eher (-Business Angels-) Book Angels, die bereit sind, sich auf solch ein Wagnis einzulassen. Und was, wenn es wirklich der große Erfolg wird? Dann muss sich der Verlag entweder vorher alle künftigen Werke gesichert haben (und hat in 99% der Fälle Müll am Hals) oder unser neuer Erfolgsautor zeigt dem Verlag jetzt den Stinkefinger und geht zur Konkurrenz oder macht in Sepu.

Daher werden aus meiner Sicht die künftigen “Next Big Things” eher aus der Sepu-Schiene kommen: Wenn da etwas gut läuft, stehen die Verlage schnell Schlange, um sich Rechte zu sichern - sogar unter Verzicht der E-Book-Rechte, was sonst völlig undenkbar ist. (Shades of Grey, Silo, ...)

Aber noch etwas anderes fällt auf: Als Autorin willst du (verallgemeintert ;-) weder das unternehmerische Risiko tragen, um dein “Baby” zum (initialen) Erfolg zu führen und dann das schreiben zu können, was Dir wirklich Spaß macht, noch gefällt es Dir, abhängig von den wirtschaftlichen, massenmarkttauglichen Interessen der Verlage zu sein und fürchtest dich davor, Dich anpassen zu müssen. Da hilft dann ja nur noch eine Umlagefinanzierung kreativer Autoren durch Steuereinnahmen: “Seht her, ich habe in den letzten 10 Jahren an meinem Lebenswerk geschrieben - jetzt will es keiner lesen, aber ich bräuchte eine Leibrente.”

Natürlich braucht es für neue Ideen überall auch ein gewisses Wagnis. Das wird man aber nicht bei den etablierten Playern finden. Im Buchmarkt ist das nicht anders. Ich empfehle die Lektüre von “Guy Kawasaki: APE - Author, Publisher, Entrepreneur” - das beschreibt sehr gut, was von sich überzeugte Autoren in dem Dilemma andenken können.

LG Markus

Markus  am  22. Februar 2013



Dem oben Stehenden ist wenig hinzu zu fügen. Die Handlungsweisen der Verlage, insbesondere der Publikumsverlage, sorgen für ein Buchangebot, das sich an “Schubladen” und “Trends” orientiert. Früher haben die Verlage mal selbst Trends gesetzt, heute sind offenbar die Controller und Marketingleute übermächtig, so dass immer nur nach dem nächsten Harry Potter gesucht wird, statt selbst mal einen loszutreten.

Das finde ich ziemlich armselig.

Dass sie inzwischen Fantasy scheuen ist kein Wunder, die habenm den Markt mit zig Twilight-Epigonen gründlich uns selbstgemacht kaputt gemacht. Kein Wunder, dass den Schmonzes keiner mehr lesen will. Erst sorgen sie dafür, dass die Leser sich ob der austauschbaren Stoffe abwenden, weil sie auch noch Vampirschmonzes auf den Markt warfen, als das schon allen zum Hals raus hing, und jetzt wollen sie wegen ihrer eigenen Versäumnisse nichts mehr veröffentlichen?  Lächerlich.

Erschwerden kommt hinzu, dass nicht wenige der Fantasy- und insbesondere SF-Fans, die ich kenne, angefangen haben, die Bücher gleich im englischen Original zu lesen, weil die

1. hier gar nicht poder nur mit Jahren Verspätung erscheinen
2. die Übersetzungen mit “gruselig” nur sehr freundlich umschrieben sind.

Leider sind die Publikumsverlage immer noch die Torwächter, bei denen inzwischen Personen entscheiden, was verlegt werden soll, die mit Literatur nichts mehr am Hut haben, sondern nur noch mit Kohle. Die Publikumsverlage machen nicht nur Autoren kaputt, sie machen in letzter Konsequenz auch sich selbst kaputt.

Stefan Holzhauer  am  22. Februar 2013



Genau das Verhalten der Verlage sorgt dafür, dass ich die meisten Buchhandlungen inzwischen meide. Einfach weil ich weiß, dass ich dort höchstwahrscheinlich keine Bücher finden werde, die mich interessieren. Man sieht sofort, was gerade im Trend ist, alles abseits davon muss man regelrecht suchen. Kann das im Sinne der Verlage sein?

maurice  am  22. Februar 2013



Ich denke, auch die großen Verlage schielen nicht ausschließlich nach Trends. Wenn ich mir die Verlagsvorschauen ansehe, so bieten “sogar Heyne und Ullstein” mehr als Soft-SM (derzeit) und sogar Anspruchsvolles.

Werner  am  23. Februar 2013



@Markus

Sorry, aber wer “dem Wettbewerb verpflichtet ist” und tatsächlich nach dem, was Du empfiehlst, handelt, der macht sich kaputt. Kreativität steht Wirtschaftlichkeit immer entgegen? Keinesfalls. Im Gegenteil: Kreativität ist ein Grundbestandteil erfolgreichen Wirtschaftens - im Gegensatz zu mittelmäßigem, wie es bei uns meist praktiziert wird. Denn Kreativität ist ein Grundbestandteil von gutem Marketing. Wer eben tatsächlich nur verlegt, was sich bereits gut verkauft, der wirtschaftet nicht gut. Denn er beschäftigt sich schwerpunktmäßig damit, was sich gestern gut verkauft hat, nicht damit, was sich morgen gut verkaufen wird. Ein Geschäftsmodell, wie Du es beschreibst, ist schlicht nicht nachhaltig.

Und gerade deswegen hat Petra durchaus recht, wenn sie fragt, ob Verlage den Buchmarkt kaputt machen - insbesondere bei uns. Denn die “Trends” sind häufig Trends “made in USA”, und der Verlag oktroyiert dem deutschen Leser, gefälligst das mögen zu müssen, was Leser in den USA gefällt. Unter “Marketing” versteht man dann, das ganze mit ein paar Flyern, Lesezeichen und, wenn man modern ist, teilweise grottenschlechten Buchtrailern zu bewerben und sich in den Buchhandlungen und auf Empfehlungslisten die besten Plätze zu kaufen.

In anderen Industriezweigen würden die Abnehmer aber auch die Gesellschaft auf die Barrikaden gehen. Es fehlt an Innovationskraft, es fehlt an Weitsicht, und es fehlt an tatsächlichem Verständnis des Endverbrauchers. Wenn man das hätte, könnte man auch eigenständig Trends schaffen, anstatt sich immer nur auf die Fahnen zu schreiben “Wir waren die, die SubkulturXYZ nach Deutschland gebracht haben”.


@Stefan

Wenn die Marketingleute übermächtig wären, sähe der Buchmarkt nicht aus, wie er aussieht. Ich hab eher den Eindruck, die Marketingleute wissen nicht, wie man (vernünftiges) Marketing macht. Das wäre aber auch nicht neu…. Gerade das Selbstsetzen von Trends ist eine Königsdisziplin des Marketings (bestes Beispiel: Apple, aber kommt eben auch wieder aus den USA…), die die vermeintlich übermächtigen Marketingleute im deutschen Buchmarkt kaum beherrschen.

Oliver  am  23. Februar 2013



@Oliver: Innovation (von Geschäftsmodellen, Angeboten und Marketing) ist nicht das Gleiche wie Kreativität (des Autors). Innovation ist markt- oder kostenzentriert, beides ist für Petras Herzblutmanuskript eben für den Verlag nicht überprüfbar, ohne viel Zeit reinzustecken. Auch wenn die Branche gerne jammert, geht es den Verlagen nicht schlecht. Sie haben es ja auch erfolgreich geschafft, die Kosten in den vergangenen Jahren deutlich zu drücken - auch auf Kosten der Autoren und teilweise der Qualität. Daher warne ich auch, als Autor im Verlag irgendetwas anderes zu sehen als einen Businesspartner.

Das Szenario, das Petra beschreibt, bietet für den Verlag ja keinerlei Innovationsbasis und ich sehe nicht, wo der “kreative”, an den Markttrends vorbei agierend Autor dem Konzernverlag irgendeinen wirtschaftlichen Vorteil bietet. Wenn PetraMarktanalysen, Vorverkaufszahlen für Testmärkte u.ä. mitbringt, dann kriegt sie ihren Titel auch unter. nur als Liebhaberprojekt aber nicht. Großverlage machen sich “kaputt”, wenn sie zu viel Risiko eingehen, zu viel Geld/Zeit in “Liebhaberprojekte” stecken. 15% der Titel finanzieren alles andere und man ist nicht Autoren oder Lesern verpflichtet, sondern Shareholdern. Die Produktionszyklen für “normale” Titel ist länger als deren Verweildauer im Buchhandel vor dem Verramschen. Das es auch anders geht (auch bei Großverlagen) zeigt sich aber immer wieder ... allerdings nur bei Titeln, die vorher ihre Wirtschaftlichkeit quasi bewiesen haben. Wer als Autor eine große Famgemeinde hat, hat es mit neuen Ideen leichter bei Verlagen als derjenige, der hofft, der Verlag würde seinem Titel schon Bekanntheit verschaffen.

Bitte, wie viele Bücher kauft der *durchschnittliche* Deutsche? Klar wünschen sich Buchliebhaber ein anderes Sortiment, Visionen auf Seiten der Programmleitung, etc. pp. Realistisch ist das aber nicht. Und es wurde oben schon erwähnt: Immer häufiger liest der wirklich interessierte Leser gleich amerikanische Titel. Für die Verlage ist es einfacher, US-Lizenzen einzukaufen, die schon einen Markttest (und mindestens ein Lektorat) hinter sich haben.

Das Beispiel Apple ist übrigens ziemlich weit hergeholt: Apple kauft gerade keine “Innovationen” bei Petra ein, hat so wenig Produktauswahl wie sonst kein anderer Gadget-Anbieter (zähl’ mal die Anzahl der unterschiedlich großen Tablets bei Samsung im Vergleich zu Apple) und sagt klipp und klar: “Wir haben nur die 3 Vampirromane im Angebot - nehmen Sie einen oder lassen Sie es. Sie können aber ein schönes Smart-Cover draufpappen.”

Nochmal: Das Verhalten der großen Buchverlage ist wirtschaftlich nachvollziehbar. Aber jedem Autor steht es frei, selbst etwas auszuprobieren - wenn es klappt, stehen anschließend auch die Verlage Schlange. Oder geht es doch nur darum, dass Autoren eben nicht selbst wirtschaftlich denken und handeln wollen?

Markus  am  23. Februar 2013



Feiner Artikel, Petra, danke dafür!

“...bei denen inzwischen Personen entscheiden, was verlegt werden soll, die mit Literatur nichts mehr am Hut haben, sondern nur noch mit Kohle.”
Dem Zitat von Stefan Holzhauer kann man leider nur zustimmen.
Was mich in den vergangen Jahren immer wieder verblüfft hat, ist (zumindest im Jugendbuchbereich) die Angst der Lektorinnen, sich für ein Manuskript, von dem sie begeistert sind, auch im Verlag einzusetzen - sie machen sich in die Hosen, womöglich eine falsche Entscheidung zu treffen, zittern vor der Marketingabteilung - und entscheiden sich deshalb dann doch lieber für den nächsten Vampirroman.

So kann man literarische Vielfalt auch kaputtmachen.

Theresa  am  25. Februar 2013




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