Einträge mit dem Tag: Reden


Sprechen kann doch jeder - oder?

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Manche reden viel, wenn der Tag lang ist - oft genug ohne dabei etwas zu sagen. Aber wie klingt das? Und wie kommen wir Autoren auf Lesungen beim Publikum an?

Mittwoch, 17. November 2010

Falls wir nicht gerade mit einer Hörbehinderung geboren wurden, lernen wir bereits als Baby sprechen. Manche Kinder machen von diesem Instrument weniger Gebrauch, bei anderen blutet uns nach zwei Minuten bereits das Ohr.

Ein schönes Phänomen beim Sprechen ist es, wenn sich die Stimme den Eltern angleicht. Wenn der Große nach Hause kommt und mit seinen Geschwistern redet, dann habe ich schon häufig gedacht, es sei mein Mann - ebenso am Telefon. Unsere beiden Töchter habe ich stimmlich auch schon mal verwechselt, wenn ich mich nicht im selben Raum aufhielt. Wie kann das sein?

Denkt doch einfach mal an famiiär gehäuft auftretende Gesten und Mimik. Kürzlich traf ich beispielsweisel ein 17jähriges Mädchen, das ich viele Jahre nicht gesehen hatte, deren Mutter ich aber schon lange kenne. Mimik, Gestik und Kopfhaltung der Mutter habe ich 1:1 in der Tochter wiederentdeckt. Wir ahmen also unbewusst viele Dinge nach, und mit der Stimme ist es letztlich nicht anders.

Stimme ist ein tolles Instrument, nicht nur beim Singen. Allerdings wird mit der Singstimme bewusster gearbeitet. Niemand käme auf die Idee, sich auf eine Bühne zu stellen und zu singen, wenn er keinen Gesangsunterricht hatte und / oder sich vorher nicht eingesungen hat - außer vielleicht nachts um drei nach dem zwölften Drink in einer Karaoke-Bar oder als Teenie bei Popstars oder DSDS.

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Auf die Sprechstimme wird hingegen weniger geachtet, was auch nicht verwunderlich ist. Ich spreche schon mein ganzes Leben lang, hey, was soll daran so schwierig sein?

So einiges, kann ich inzwischen sagen, und mehr als man gemeinhin annimmt. Üblicherweise begibt man sich in Sachen Sprechen dann in professionelle Hände, wenn es sich um Sprachfehler handelt. Lispeln, Stottern, Haspeln, etc. Oder wenn man sich einen Dialekt abtrainieren möchte. Dabei werden Muster aufgebrochen, die sich über viele Jahre eingeschliffen haben. Wie schwierig das sein kann, könnt ihr euch vielleicht vorstellen, wenn ihr an andere Gewohnheiten denkt, die ihr mal zu ändern versucht habt: Weniger und gesünder essen, mehr Sport treiben, mit dem Rauchen aufhören... Da hat das Hirn reichlich zu tun, und wenn man nicht am Ball bleibt, siegen die alten Muster und lachen sich ins Fäustchen. Im Schnitt dauert es drei Monate, bis sich die neuen Verknüpfungen im Hirn so manifestiert haben, dass man von einer neuen Gewohnheit sprechen kann. Also täglich anwenden, üben, üben, üben...

Meist sind es Kinder, die zum Logopäden geschickt werden, und oft - man möge mich korrigieren, wenn ich falsch liege - wird dabei in erster Linie an der Aussprache gearbeitet. Wenn eine Stimme voller klingen soll, dann oft nur zum Singen, wobei der oben erwähnte Gesangsunterricht zum Einsatz kommt. Doch wer im Beruf viel reden muss, auch vor Publikum, macht sich oft weniger Gedanken um die Stimme. Dabei kann das so wichtig sein.

Ein Beispiel: Ich war kürzlich an der Uni zu einem Vortrag im Bereich der Hirnforschung. Die Vortragende bekam ein Mikro umgehängt, damit sie in dem relativ großen Hörsaal gut zu verstehen war Nach einiger Zeit legte sie das Mikro ab - und war weiterhin sehr gut zu verstehen. Sie ist Schwedin, ohne den kleinsten schwedischen Akzent, und die Artikulation war vorbildlich ohne aufgesetzt zu wirken. DIe Stimme trug weit, und es war sehr angenehm ihr zuzuhören.

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Im Auditorium saßen u.a. diverse Lehrer. Bei der anschließenden Fragerunde haben sich einige der Lehrer zu Wort gemeldet. Manche redeten so leise, als hätten sie Angst, dass man sie fressen würde, wenn sie lauter sprächen und andere nuschelten so dermaßen, dass ich sie kaum verstanden habe. Dabei sprachen sie auch noch so eintönig, dass ich während der Fragestellung schon fast schnarchend vom Stuhl gerutscht wäre. Ich erinnere: Ich spreche hier von LEHRERN. Das sind diese Exemplare, die den ganzen Tag vor diversen Schülern stehen und SPRECHEN. Und die den Schülern dadurch etwas beibringen sollen. Bei den vorgenannten Schnarchnuschlern hätte ich niemals bis zum Abitur durchgehalten.

Und es sind nicht nur Lehrer, die auf ihr Sprechen achten sollten: Moderatoren, Schauspieler und bekanntere Politiker tun es meist sowieso. Anwälte könnten es auch gebrauchen oder Stadtführer. Aber weshalb nicht auch Angestellte, die gelegentlich auch Dinge, die ihnen wichtig sind, bei Chefs oder Kollegen durchsetzen wollen. Manager, die häufig Vorträge halten müssen und da oftmals einfach so hineingerutscht sind. Da werden dann schon mal Rhetorikkurse belegt, aber selten wird über Stimmbildung gesprochen, die doch eigentlich ebenso wichtig ist, wenn man etwas mitzuteilen hat.

Seit einem halben Jahr gehe ich zum Sprechtraining. Freiwillig. Ich lisple und stottere nicht. Aber ich rede vor Menschen. Privat und auf Lesungen. In beiden Fällen möchte ich die Leute ERREICHEN, die mir zuhören. Akustisch und emotional. Ich möchte, dass sie verstehen, was ich ihnen sagen will, auch zwischen den Zeilen. Ich lerne also Subtext zu vermitteln. Ich lerne so zu atmen, dass die Stimme voller wird. Ich lerne, wie ich es mit meiner Stimme schaffen kann, die Zuhörer in den Bann zu ziehen, anstatt sie ins Wachkoma zu reden. Ich lerne meine ganz persönliche Stimme zu entwickeln und damit Präsenz zu zeigen.

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Stimme kann man überall im Körper fühlen, nicht nur im Kehlkopf. Denn der gesamte Körper ist daran beteiligt oder sollte es sein. Das fängt bei der richtigen Haltung an (sicherer Stand, das Zwerchfell muss sich frei bewegen können - also Mikro in die richtige Position bringen und nicht halb gebückt lesen!) und hört bei der richtigen Atmung noch lange nicht auf.

Ich schöpfe die Möglichkeiten meiner Stimme immer noch nicht aus (siehe: Gewohnheiten und Übung). Aber ich höre inzwischen anderen Menschen genauer zu. Die Rednerin des Vortrags habe ich gefragt, ob sie Sprechtraining hatte. Sie sah für einen Moment irritiert aus und sagte dann, sie hätte Gesangsunterricht gehabt. Knapp daneben, aber immerhin habe ich schon gehört, dass ihre Stimme trainiert ist.

Ich höre, wenn Hörbuchsprecher bei der Aufnahme einen leichten Schnupfen hatten. Ich bemerke Fußballreporterinnen im Radio, die es mit der Bruststimme und der Artikualtion so übertreiben, dass sie wirken, als würden sie für switch reloaded einen männlichen Fußballreporter persiflieren. Ich lerne Stimm-Eigenarten zu unterscheiden. Das macht sehr viel Spaß - achtet beim nächsten Mal darauf, wenn ihr Nachrichten hört, oder die Stimmen aus dem Off bei TV-Dokus. Mitunter kann man dabei schon sehr viel lernen.

Jetzt muss ich es nur noch selbst anwenden können. Nur noch. Nein, nicht "nur". Das ist harte Arbeit. Und das hätte ich nicht gedacht, wo ich doch den ganzen Tag so viel rede...

3 Bilder, Quelle: Wikipedia / Grays Anatomy

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