Rabattwahn 2.0

Waren das noch Zeiten, als das Wort Rabatt nur mit einem T geschrieben wurde und lediglich für die Hauptstadt Marokkos stand. Ach, das wussten Sie gar nicht? Sehen Sie, in dieser Kolumne wird sogar etwas für Ihre Bildung getan! Doch ich schweife ab, denn ich wollte ja über den Wahn schreiben, der Unternehmen jeder Größenordnung seit einigen Jahren wieder befallen hat.

Rabatt 2.0 sozusagen, denn ich erinnere mich noch lebhaft an die Rabattkarten aus blassgrüner oder blassgelber Pappe, die meine Mutter Anfang der 70er Jahre vom Lebensmittelgeschäft ihres Vertrauens erhielt. Darin wurden Rabattmärkchen eingeklebt, die auch irgendwie nach schlecht recyceltem Umweltpapier aussahen. War die Karte voll, gab es Geld. So einfach. Und diese Karten gab es auch nur in Lebensmittelläden. Ebenfalls ganz simpel und für jeden zu verstehen, auch ohne Hochschulabschluss.

Irgendwann bekam man beim Einkaufen keine Karten und Marken mehr, und ich habe sie auch nicht vermisst. 30 Jahre später liefen sie mir dann plötzlich in Form von ‚Happy Digits’ über den Weg.

Neugierig, wie ich nun einmal bin, habe ich nachgeschlagen, was bittesehr eigentlich ein Digit sein soll. Ich habe vier Übersetzungen dafür gefunden: Finger, Stelle, Ziffer und Zahl. Ein Happy Digit ist demnach also die Stelle, an der zwischen meinen Fingern aus der Ziffer eine glückliche Zahl wird.

Das ist also schon nicht mehr einfach, und natürlich gibt es für die Digits auch keine blassgrüne Rabattkarte mehr sondern eine Art Kreditkarte aus hochglänzendem Plastik. Diese lege ich nun jedes Mal in dem Kaufhaus vor, das die fröhlichen Ziffern eingeführt hat und sammle Digits. Irgendwann bekomme ich Post, in der man mir mitteilt, wie viele von diesen kleinen wuseligen Dingern ich nun schon hätte, und wie viele zu einem bestimmten Termin verfallen werden, wenn ich sie nicht bald gegen ein nutzloses Präsent eintauschte.

Das ist nämlich die neue Schwierigkeit beim Rabattwahn: Prämien. Einen singenden Toaster kann man bekommen, den ich dann seufzend zu den steppenden Eierbechern und den wasserabweisenden Küchenhandtüchern in den Keller räume, der bald keinen Platz mehr bietet, für all die Geschenke, die ich erhalte, wenn ich eine Zeitung abonniere, einen Schmelzkäse kaufe, oder, ja, genau, eben Rabatte einlöse.

Und da sind ja die Happy Digits nur der Anfang des Horrors: Payback-Karten, pardon, -Cards, die aber nur in ganz bestimmten siebzehn Ladenketten gelten, weil man in anderen 23 wieder andere Karten benutzt, mit Namen, die ich mir langsam schon nicht mehr merken kann.

Die Tankstelle um die Ecke, für die ich auch eine eigene Kundenkarte besitze, bietet mir neuerdings an, stattdessen die Karte meines Automobilclubs zu benutzen.
„Punkte sammeln oder Rabatt?“, werde ich jedes Mal an der Kasse gefragt.
„Rabatt!“, möchte ich die unschuldige Kassiererin dann stets anschreien. „Was für eine Frage, bei DEN Benzinpreisen!“
Aber ich beherrsche mich. Dafür habe ich dort kürzlich zusätzlich noch eine Pappkarte erhalten, mit der ich vier Tankquittungen sammeln sollte, um ein Präsent zu erhalten, das kurz vor dem Einlösen als hochgiftig von der Firma zurückgerufen wurde.

Da lobe ich mir doch meinen Teeladen und die Apotheke, bei der ich in altmodische Pappkärtchen runde Aufkleber pappen darf und dann tatsächlich Geld zurück erhalte. Wie in den guten alten 70ern. Nur, dass ich inzwischen einen Koffer benötige, um all die Karten, Chips, Zettel, Marken, Aufkleber, Ziffern, Zahlen, Stellen, fröhlich, traurig, bunt, vor- und zurückzahlbar noch beim Einkauf mit mir herumzutragen. Selbstverständlich hole ich stets erst dreißig falsche Karten hervor.

Einen einzigen Laden gab es noch, der mich bislang verschont hatte. Doch gestern fragte mich die Kassiererin:
„Haben Sie schon eine Deutschlandkarte?“
„Ja!“, brach es aus mir heraus. „Seit vielen Jahren schon! Aber ich finde mich in Ihrem Laden auch so zurecht und schlimmstenfalls habe ich ja meinen Navi!“

Als ich ging, warf ich am Ausgang meinen Rabattkartenkoffer in den Müll. Ich könnte schwören, dass ich die kleinen, putzigen Digits durch den Kofferdeckel hindurch habe bitterlich weinen hören.

Doch das war mir die Freiheit wert.

© Petra A. Bauer, 27. Sept. 2008
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Kommentare:


Ganz wunderbar! Und so wahr!
Ich habe auch schon versucht, mit meinem Führerschein ein Buch in der Stadtbibliothek auszuleihen und die Apothekerin wiederum wollte meinen Bibliotheksausweis gar nicht sehen ...
Bei mir setzt mittlerweile schon ein Automatismus ein, an jeder Kasse zu sagen: “Nein, ich sammle keine Herzen und eine Kundenkarte habe ich auch nicht”.

mediokra  am  12. Mai 2009




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