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Machen Verlage die Autoren kaputt?

Schreiben & VeröffentlichenMachen Verlage die Autoren kaputt? Die Frage klingt ein bisschen provokant und so soll es ja auch sein. Ich hätte ebensogut fragen können: Machen Imprints die Autoren kaputt? Oder Machen Trends die Autoren kaputt? Und was meine ich überhaupt mit "kaputt"?

Freitag, 22. Februar 2013

Zunächst einmal: Man setze zwei oder mehrere Autoren zusammen und sie beginnen zu klagen. Da nehme ich mich keinesfalls aus, denn es gibt ja auch genug zu jammern. Die einen lamentieren über die wachsende Welle der Selfpublisher - früher bei Print on Demand heute bei Ebooks, die ohnehin für manche Autoren das Ende der Welt bedeuten, während andere Kollegen es als Chance auf eine völlig neue (zusätzliche) Leserschaft sehen. Wir schimpfen über Verlage, die viel Geld für Buchveröffentlichungen von den Autoren verlangen und über Veranstalter, die kein Honorar für Lesungen zahlen wollen. Andere regen sich über Amazon (jetzt sowieso) und das Bewertungssystem auf. Ein sehr großer Teil der Autorenschaft schimpft aus diversen Gründe auf die Verlage.

Aber alle sind sich einig: Dieses Warten auf den nächsten Trend ist die Pest.

Petra_sw_mitMützeundiPhone

Der Otto-Normalleser geht vermutlich noch immer davon aus, dass ein Schriftsteller eine Geschichte erzählen möchte, die einfach “raus” muss und mit diesem Manuskript dann einen Verlag sucht. Und wenn das Buch bei der Leserschaft gut angekommen ist, gibt es eine Fortsetzung oder ein weiteres, davon unabhängiges Buch. So war das früher mal, und bei manchen Autoren ist es auch heute noch so. Die Chance, dass es genau so läuft, ist allerdings bei kleinen Verlagen, die aus Idealismus gegründet werden, höher als bei den Publikumsverlagen, die sich den Gesetzen der Marktwirtschaft unterwerfen müssen. Denn dort wartet man schon lange nicht mehr auf eine gute, ungewöhnliche Geschichte, abseits von jedem Trend und jeder Schublade (auch da gibt es Ausnahmen, aber ich will ja hier von dem sprechen, was eher häufig passiert, also bitte ich auch im Folgenden die Verallgemeinerung zu entschuldigen).

Marktgerecht schreiben

In den großen Verlagen veröffentlicht man Autoren, die den jeweils angesagten Trend gerade am besten bedienen können. Auftragsschreiber im weitesten Sinne. Denn auch Agenturen nehmen nur noch Exposés an, bei denen sie sicher sind, dass “die Verlage das gerade suchen”. Und die Verlage suchen das, was die Leser wollen. Denken sie. Und dann veröffentlichen sie so lange immer neue Bücher im selben Stil (historische Liebesromane mit immer gleichen Titelbildern, Vampire, Engel, Harry-Potter-Derivate, Dystopien, Sado-Maso-Storys, achja und nicht zu vergessen, noch mehr Vampire ...)  bis auch die Leser es nicht mehr sehen können. Das führt dann zu frustrierten Autoren. Denn wer zum ersten Mal in einem Publikumsverlag veröffentlicht wird, denkt rasch es “geschafft” zu haben. Die große Ernüchterung folgt, wenn es bei diesem einen Buch im Verlag bleibt, weil die Verkäufe weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Denn viele der Manuskripte wurden angenommen, um die große Nachfrage zu befriedigen. Die Nachfrage hat aber längst nachgelassen, wenn das Buch dann endlich veröffentlicht ist. In diesem Zusammenhang ist schon häufiger hinter vorgehaltener Hand das Wort Kanonenfutter gefallen.

Die Leser, die den Trend zunächst vielleicht wirklich mochten, bekommen dann für lange Zeit kaum etwas anderes. Denn WENN in der Verlagslandschaft erst einmal etwas als das Next Big Thing ausgemacht wird, der neue Trend, auf den alle lauern, und dafür meist nach Amerika schielen, dann stürzen sich auch alle Publisher drauf. Und reizen es aus bis zum Geht-nicht-mehr. Dumm für alle Autoren, die wirklich gute Geschichten mit anderen Themen in den Schubladen haben.

Zu früh, zu spät, zu komplex, zu Fantasy

Und so kommt es dann, dass Autoren mit Exposés zu spät (“Vor vier Jahren hätten wir das noch untergebracht!”) oder zu früh (“Vielleicht kommt das ja bald, aber die Verlage warten noch ab.”) bei ihren Agenten aufschlagen. Auch gerne genommen: “Das kann man keinem Genre zuordnen. Da wissen die Buchhändler ja nicht, wo sie es hinstellen sollen.” Und auf der Beliebtheitsskala ganz oben steht: “Bloß nichts mehr mit Fantasy!”

Nun wird Fantasy schon seit Jahren totgesagt, obwohl viele Leser phantastische Elemente in Geschichten sehr schätzen. Einige der schönsten Kinder- und Jugendbücher jenseits von Harry Potter sind Klassiker, die heute noch gerne gelesen werden, man denke nur an Pippi Langstrumpf oder Die Unendliche Geschichte. Dank Harry Potter und Twilight haben Verlage Fantasytitel und -linzenzen bis zum Abwinken eingekauft. So viele, dass sie immer noch nicht alle veröffentlicht sind. Dummerweise wollen Leser keine Vampirbücher mehr lesen. Ich bin nicht sicher, ob v.a. die Vampir-Schwemme in den Etagen der Entscheider dafür gesorgt hat, dass möglichst überhaupt keine Phantastik in Kinder- und Jugendbüchern mehr vorkommen darf.

Bei Young Adults sieht es schon wieder anders aus. Zum Teil sind eigene Imprints dafür gegründet worden

Imprints und Altersangaben

Imprints werden gegründet, um ein Verlagsprogramm in mehrere Segmente aufzuteilen.

Wikipedia erklärt Imprints so:

Ein Imprint ist im Verlagswesen eine Wortmarke, die im Buchhandel wie ein Verlag gehandhabt wird. Hinter ihr steht jedoch ein anders benanntes Verlagsunternehmen. Imprints dienen primär dem Marketing gegenüber dem Buchhändler und dem Endkunden. Den tatsächlichen Verlag nennt immer das Impressum. Große Verlage setzen Imprints ein, um ihr Verlagsprogramm in mehrere Segmente aufzuteilen. Imprints werden meist mit eigener Programmvorschau und weiteren Marketingmaßnahmen präsentiert; so lässt sich beim Händler größere Aufmerksamkeit erzeugen als mit einer einzigen Programmvorschau. Viele Verlage bedienen sich Imprints, um einen neuen Programmbereich im Handel zu etablieren, ohne das Verlagsprofil zu sehr aufzuweichen.

Stand früher häufig der ganze Verlag für eine bestimmte Literaturgattung, ist es heute schwieriger geworden, sich mit einem facettenreichen Verlagsprogramm anständig am Markt zu positionieren. Also wird man kleinteiliger. Als Beispiel (ohne Wertung) nenne ich einfach mal Egmont Lyx und Egmont Ink. Egmont Ink steht für spannende, hoch emotionale Bücher für Mädchen von 12 bis 16 Jahren (bei denen - hurra! - auch phantastische Elemente erlaubt sind). Bei Egmont Lyx werden Bücher im Bereich Romantic Thrill, Romantic Fantasy und Romantic History veröffentlicht. Beide Label gehören aber zu Egmont (der Verlag hat auch noch weitere Segmente in Imprints verwandelt). Die Leser kaufen aber eben nicht irgendein Buch vom Egmont Verlag, in der Hoffnung, dass es etwas für sie sein könnte, sondern sie kaufen Lyx und wissen genau, dass etwa alle dreißig Seiten eine Sexszene auftauchen wird (bitte nagelt - Ha. Ha. - mich nicht auf die genaue Seitenzahl fest). Und die Buchhändler wissen genau, in welche Ecke sie die Bücher stellen müssen. Was offenbar ein sehr starker Faktor im Buchbusiness ist.

Eigentlich könnte das eine gute Sache sein, führt aber nach meinem Empfinden dazu, dass zu viele Bücher nach Schema F geschrieben werden.

Ich finde es viel schöner, wenn der Autor die Marke ist. Ein Autor, der seinen eigenen Erzählstil hat, und dem die Leser es nicht übelnehmen, wenn das neueste Werk mal mehr historischen Hintergrund hat oder mal fantasylastiger ist. Dem ein Verlag auch mal Experimente gestattet. Nur muss er dafür seinen Namen erst einmal etabliert haben. Und das ist heute schwieriger denn je.

Shooting Star versus langsam aufgebauter Autor

Da gibt es natürlich die 8-Seiten-Vorschau-Autoren, die quasi aus dem Nichts auftauchen (auch wenn sie vorher schon diverse Bücher veröffentlicht haben, die aber eine kleinere Leserschaft hatten). Ich gönne es ihnen von Herzen, doch auf diesen Autoren liegt leider auch eine große Last. Denn es kann passieren, dass sich die Bücher trotz der Werbung nicht so verkaufen, wie geplant. Weil das Buch vielleicht in mehreren Foren schlecht besprochen wird. Oder weil das Genre noch zu “neu” ist und die Leute nicht drauf anspringen. Und WENN es sich so verkauft, wie erwartet - oder gar besser - dann steigt der Druck, das nachfolgende Buch (denn Folgeverträge sind bei diesen Größenordnungen ziemlich schnell auf dem Tisch; das ist der langen Produktionsdauer geschuldet) noch besser zu schreiben. Auch das ist nicht unbedingt der Kreativität zuträglich.

So cool solche Verträge mit Werbeschwerpunkt (und entsprechenden Vorschüssen, I guess) auch sein mögen, in gewisser Weise machen sie auch Angst. Ein sich langsam etabliert habender Autor mag auch mal ein Buch schreiben, das vielleicht aufgrund des Themas nicht so ankommt, wie der Verlag es erwartet haben mag. Vielleicht bleibt auch mal eine ganze Trilogie ein Stück hinter den Erwartungen zurück. Aber, neues Spiel, neues Glück. Wenn man einen Namen und eine starke Fanbase hat, läuft es beim nächsten Versuch wieder besser.

Leider bekommen die wenigsten Autoren heute noch genug Zeit sich zu etablieren, weil eben die Verlage nur noch den neuesten Trends hinterherhecheln. Was ich durchaus verstehe, wenn man den wirtschaftlichen Hintergrund betrachtet. In der Mode- oder Tech-Branche (nur um mal Beispiele zu nennen) ist es ja nicht anders. Nur bleiben leider die Autoren auf der Strecke.

Was tun mit den Schubladen voller Ideen?

Um bei der Fantasy bzw. Manuskripten mit phantastischen Elementen zu bleiben - da ist der Frust unter Autoren besonders groß, weil etliche der größeren Verlage - wie erwähnt - diese Storys inzwischen fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. Diverse Kollegen sagen inzwischen, ok, wenn die großen Verlage nicht wollen, gehen wir eben wieder zu den kleinen. Oder es gibt Überlegungen, dass sich Fantasyautoren, die bereits eine starke Fangemeinde besitzen, sich zusammenschließen und mit dieser “Fanpower” einen kleineren Verlag “groß” (oder zumindest bekannter) machen. Auf jeden Fall bedeutet es für Autoren, finanziell zurückzustecken. Oder aber marktgerecht an den eigenen Wünschen vorbei zu schreiben und die guten Geschichten, die leider nicht im Trend liegen, auf ewig auf der Festplatte verstauben zu lassen. Viele meiner Autorenkollegen sind mittlerweile wirklich entmutigt.

Ich bekam inzwischen von mehreren Seiten den Tipp, mein aktuelles Manuskript einem bestimmten Imprint anzubieten, zu dem es gewiss hervorragend passend würde. Aber ganz ehrlich - ich hätte Angst, dann für immer und ewig genau so schreiben zu müssen. Und dabei ist es doch gerade die Vielfalt, die meinen Beruf ausmacht. Die Chance, meiner Kreativität freien Lauf lassen zu können. Deshalb sind wir doch Autoren geworden. Weil wir den Lesern gute Geschichten erzählen wollen. Geschichten, die sie überraschen. Und keine, bei denen klar ist, aha, das erscheint bei dem Verlag / Imprint, also kann ich mich auf spitze Zähne gefasst machen. So vergibt man auch die Chance, Leser für sich zu gewinnen, die sich nicht auf ein ganz bestimmtes Genre fokussiert haben.

Ebooks als Alternative?

Aufgrund der oben genannten Self-Publisher-Schwemme, halte ich es derzeit für kontraproduktiv Herzensprojekte als Ebook zu “verschleudern”, weil sie in der Masse derjenigen, die “unbedingt mal ein Buch schreiben” wollten, vermutlich untergehen wird, wenn man keinen großen Namen hat. Für mich sähe ich den Ebook-Markt derzeit eher als zusätzliche Möglichkeit vergriffene Bücher wieder aufzulegen. Oder für Autoren, die überhaupt kein Interesse daran haben, ihr Buch einem Verlag anzubieten - was es ja auch gibt. Letztlich ist es Geschmackssache, denke ich. Aber wenn man von der herkömmlichen Veröffentlichung als Papierbuch ausgeht, dann werden die Entfaltungsmöglichkeiten eben immer weniger. Ich verstehe die Verlagsseite durchaus, aber wir Autoren würden uns freuen, wenn trotz allem wieder mehr im eigenen Land nach tollen Büchern gesucht wird, die nicht schon von den Agenten im Vorfeld aussortiert werden müssen, weil “die Verlage sowas gerade nicht wollen”. Wer sagt denn, dass nicht irgendwo ein Vampirbuch schlummert, das völlig anderes ist als alle anderen, die bisher erschienen sind? Oder eine Geschichte, die mehrere Genres bedient und deshalb nach landläufiger Meinung nirgendwo hinein passt?  Möglicherweise ist es aber genau das, was die Leser gerade wollen und nirgendwo in den Buchhandlungen finden. Mit ein wenig mehr Mut, gibt es dann vielleicht zur Abwechslung einen deutschen Trend, der in die USA schwappt? Dem Vernehmen nach, kommt nämlich auch aus Amerika derzeit nicht das Next Big Thing, nach dem alle gieren.

Man kann auch Flauten und Frust auf dem Buchmarkt generieren, in dem man den Kreativen Fesseln anlegt.

Wie empfindet ihr Leser das? Mit vielen habe ich schon darüber gesprochen, aber hier liest sicher der eine oder andere mit, der seine ganz eigene Meinung zu Trends auf dem Buchmarkt hat. Wollt ihr wirklich immer das gleiche lesen? Seid ihr zufrieden damit, was euch Verlage als hip und angesagt präsentieren? Oder sucht ihr lieber nach den Perlen? Habt ihr Lieblingsautoren, die schreiben dürfen, was sie wollen, und euch trotzdem jedes Mal begeistern?

Und auch zum Schluss nochmal: Ich habe hier absichtlich vieles verallgemeinert, einfach, weil mir diverse Punkte davon immer und immer wieder sowohl bei der Kommunikation mit Agenten und Verlagen als auch in Gesprächen mit Kollegen und Lesern begegnen. Was nicht heißt, dass es nicht auch anderes laufen kann. Ich freue mich auch über Gegenbeispiele in den Kommentaren. Auf eine kontroverse Diskussion!

Liebe Grüße

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