Cool, cooler, Kool (Savas)

GrafikKool Savas, ist das nicht dieser Rapper? Was kommt denn jetzt? Irgendwelches Zeug reden, während im Hintergrund Musik läuft, das kann doch jeder. Außerdem nehmen diese Typen doch sowieso alle Drogen. Das habt ihr doch gedacht, gebt es zu. Denn ich gehe mal nicht davon aus, dass sich in meiner Leserschaft viele Deutschrap- oder Hip Hop-Fans befinden. Über die Inhalte kann man auch durchaus geteilter Meinung sein, aber darum soll es hier auch gar nicht gehen.

Montag, 04. November 2013

Bisschen Nachhilfe gefällig? Die “Musik im Hintergrund”, das sind die Beats auf die gerappt wird und nicht umgekehrt. Und die Rapper reden auch nicht einfach irgendwas, die überlegen sich schon ziemlich genau, was sie auf die Beats rappen und wie. Denn was sich für ungeübte Ohren alles gleich anhört, hat seine ganz eigene Systematik. Es kommt ganz darauf an, auf welchem Takt man anfängt, ob und wo Pausen eingebaut werden, und auch, dass man überhaupt im Takt bleibt.

Probiert das mal selber!

Habt ihr das mal versucht? Ein paar Zeilen schreiben oder aus ner Zeitung oder nem Kinderlied nehmen, und dann versuchen, die in einem Rhythmus auf einen Beat zu sprechen, ohne dass ihr völlig neben dem Takt liegt? Macht das mal und nehmt es auf. Ich schwöre euch, das Ergebnis der ersten Versuche fördert den Respekt vor den Rappern und HipHoppern. Das fängt schon mit der Länge des Textes und der Anzahl der Silben an. Meist sind es sog. Sechzehner, die auf vier mal vier Takte (häufig im 4/4-Takt) passen müssen. Kool Savas hat es in einem Juice-Interview von 2012 schön auf den Punkt gebracht:

Ich sehe Rap-Verses wie Zahlen und Punkte, wie in der Matrix. Das ist keine Lüge. Ich wusste früher nicht, warum mir MC Eiht, Ice Cube oder Too $hort gefallen. Schon bei N.W.A. hab ich verstanden: Okay, die machen am Anfang einen kurzen Satz, dann eine Pause und dann einen langen Satz. So hat es angefangen. Seitdem sehe ich vor meinem inneren Auge immer den Takt: Bumm-tschack-bumm-bumm-tschack. Und dazwischen in Punkten und Zahlen die Wörter und Silben. Das ist Mathematik.

Mathe. Und schon habe ich noch mehr Respekt davor ;-) Aber immerhin ist es die Art von Mathematik, die ich nachvollziehen kann, weil es dabei um Muster geht.

Sex & Drugs & Hip & Hop

Wieso ich hier heute darüber rede? Einfach, weil ich über o.g. Interview gestolpert bin und es gut finde, wenn mal mit Vorurteilen aufgeräumt wird. Natürlich spielen Drogen in der Rapszene (überhaupt bei Musikern und Kreativen) durchaus eine Rolle. Das zu leugnen wäre albern. Daher freut es mich zu lesen, dass ausgerechnet eines der Aushängeschilder der Szene damit nichts am Hut hat, z.B. weil er erlebt, wie Gras, etc. seine Kumpels verändert.

Nun ist Kool Savas auch mittlerweile 38 und würde heute nicht mehr solche Texte schreiben wie Lutsch mein Schw*nz (ihm war bei TV Total schonmal ziemlich unangenehm darauf immer noch angesprochen zu werden), aber irgendwie gehört das zur Entwicklung; schließlich wurde Rap von wütenden Jugendlichen erfunden. Oder, um es mit seinen Worten zu sagen:

Aber als Jugendlicher hat man ohnehin eine Macke. Ich habe neulich gelesen, Wissenschaftler hätten herausgefunden, dass bei pubertierenden Jugendlichen im Kopf die gleichen Dinge vorgehen wie bei Verrückten. Die Hormone machen, was sie wollen.

Das kann ich aber mal voll und ganz unterstreichen. Ich sag meinen Kindern das immer in gemäßigter Form, nämlich dass die Pubertät die Hirne in eine Baustelle verwandelt, auf der alte Verbindungen rigoros gekappt und neue geknüpft werden. Ver-rückt in des Wortes wahrer Bedeutung. Das kann die Persönlichkeit total verändern. Es kann auch dazu führen, dass man totalen Mist baut und Dinge tut, für die man sich zehn Jahre später echt nur noch an den Kopf fassen kann. Leben eben.

Ich bin auf Kool Savas übrigens erst 2011 durch ein Feature (“King Size”) mit dem Schweizer Rapper Bligg so richtig aufmerksam geworden. Über Bligg hatte ich hier mal was geschrieben.

Platzhirsch, Baby!

Bei King Size wird auch nochmal deutlich, dass es im Rap oft darum geht, wer der Größte ist. Das ist ja ein spezifisches Männerproblem (sooo many Testosteron-Möchtegern-Alphatierchen) weshalb es auch nicht gerade viele bekannte Frauen in der Szene gibt. Und je jünger desto dringender wollen die Kerle eben der angesagte Hirsch sein. Oder, wie Peter Fox singt:

Schönes Ding, dass ich der angesagte Affe bin.

Über K4 sind hier dann im Laufe des letzten Jahres diverse CDs von Kool Savas im Haus gelandet, und spätestens seit seinem Projekt XAVAS mit Xavier Naidoo und dem Album Gespaltene Persönlichkeit*, ist er auch einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden.

Und hier nochmal der Link, falls ihr Lust bekommen habt, mal das komplette Kool Savas Interview zu lesen.

 

 

Nix verstanden? Hier sind die Lyrics zu King Size, allerdings ohne Übersetzung aus dem Schwiizerdüütschen.

*Affiliate-Link

Grüße an alle Homies ;-)
Petra

Entschleunigung und Komasaufen

GrafikGut, dass der Iron Buchblogger-Bot mich immer dran erinnert, wenn ich in der Woche noch nix gebloggt habe. Diesmal allerdings unnötig, denn ich hätte heute sowieso. Gebloggt also. Es gibt so Tage. Da denkt man, ach, wieso nicht das tun, wovon sowieso alle immer denken das ein Blog das ist: ein Tagebuch nämlich. Stimmt zwar nicht generell, kann man aber machen.

Samstag, 19. Oktober 2013

Heute Morgen klopfte dann also mal wieder ein Rezensionsexemplar an. Also der Postbote, mit dem Buch. Genaugenommen hat er geklingelt, aber so ist das mit Wortspielen, die klappen mal und mal überhaupt nicht. Fakt ist jedenfalls, dass ich damit zwei weitere Buchrezis fürs Lifestyleblog drüben habe. Haben werde. Eine Frage habe ich dann aber noch: Wieso wird in den kleinen, braunen Päckchen nicht immer auch gleich die passende Zeit zum Lesen und Rezensieren dazugeliefert? Das würde die Sache vereinfachen. Und vor allem beschleunigen.

Apropos beschleunigen:

Ich feile an Texten und Musik für einen Song. Das würde ich auch gerne beschleunigen. Entschleunigung kann ja jeder. Da muss man sich einfach nur in eine Ecke setzen und warten, bis viel Zeit vergangen ist. Aber bis zu einem bestimmten Zeitpunkt einen Song fertig haben, hallo, das ist mal ne Herausforderung. Vor allem, wo ich mich gestern klampfend und singend ernsthaft fragte, weshalb das immer alles nach 70er-Jahre-Protestsong klingt, was am Ende bei meinen Versuchen herauskommt, auch wenn ich gegen nix protestiere. Ich habe inzwischen so meine Vermutungen. Ist nämlich alles sehr horizonterweiternd, Liedanalysen* und so. Nur eben nicht gerade sehr beschleunigend.

*Wieso klingt das bei Band XY so, und bei mir scheiße? Welche Stilmittel benutzen die? Wie machen andere Bands das?

Es hilft auch nicht, wenn man beim Song-Rumprobieren auf dem Fußboden hocken muss. Früher war das vielleicht kreativitätsfördernd, von wegen “arme, geschundene Künstlerseele” und so, aber so richtig zwanzig bin ich ja nicht mehr und meine Knochen nehmen mir das durchaus übel. Dafür haben wir aber jetzt Bescheid bekommen, dass unsere Wohnzimmermöbel sich immerhin nach zweieinhalb Monaten dazu herabgelassen haben, sich von Italien nach München zu begeben. Und nur eine Woche später, sollen sie dann auch schon hier sein. Die haben das echt drauf mit der Entschleunigung. Davon könnte man sich glatt ne Scheibe abschneiden. Wenn man es nicht eilig hätte und mit der Gitarre gern bequem sitzen würde.

Gib Glas, ich will Spaß!

Heute Morgen stand ich dann im Wohnzimmer an der Stelle, an der ich ab der nächsten Woche nicht mehr stehen können werde, weil da dann unser entschleunigtes Sofa stehen wird, so es nicht noch einen Gang zurückschaltet. Ich stand also da und guckte aufs Fensterbrett, von dem der Philo mir mithilfe dreier brauner Blätter mitzuteilen versuchte, dass er gerne ein Glas Wasser hätte. Also, er schrie “Wasser!”. Das mit dem Glas, war dann meine Idee, weil das Badezimmer mit der Gießkanne drin gerade besetzt war. In der Küche stand ein Glas, das gestern noch Barolo beherbergt hatte. Der letzte Tropfen hatte sich am Glasboden kristallin verfestigt. Das brachte mich zu der großen Frage, ob ein Tropfen Wein im Gießwasser den Philo nicht glücklich machen würde. Glücklicher, als wenn er uns immer nur beim Weintrinken zusehen muss. Ich meine:

Hat so eine Pflanze nicht auch mal das Recht auf ein bisschen Spaß?

Und Spaß macht die Sauferei ja, wie man kürzlich an Matthias Schweighöfer sehen konnte, der sich mit

Joghurt

Joko und Klaas beim Circus #Halligalli im Komasaufen übte. Vor laufender Kamera im deutschen Fernsehen, zu einer Zeit, in der Jugendliche durchaus wach und fernsehfähig sind. Die Moralapostelin (es gab gar keine Apostelinnen, stimmt’s? Jaja, tolles Vorbild, das Zeug, was so im Großen Märchenbuch steht) in mir empörte sich heftigst darüber. Weil es schließlich die Erwachsenen (über diesen Begriff muss ich demnächst auch mal länger nachdenken) sind, die sich darüber aufregen, dass Jugendliche sich ins Koma saufen. Und dann sowas auch noch zeigen. Die Petra in mir amüsierte sich köstlich über des niedlichen Matthias Schweighöfers Gekicher.

Ironie am Rande:

Der Club im Märkischen Viertel, in der sich ein Jugendlicher mit einer von mir inzwischen vergessenen Menge Tequila (Wodka?) fast oder ganz tot soff, was zu Recht für mächtig Aufregung sorgte, hieß (oder heißt immer noch) Halligalli.

Jedenfalls beschloss ich, dem Philo den Spaß gründlich zu verderben und ihm keinen Wein zum Frühstück zu gönnen. Warum wir Nichtpflanzen beim Frühstück dann auf Interviews kamen, kann ich nicht mehr nachvollziehen. Ist aber auch egal.

Die vollkommen Toten Hosen

 

K3: Du könntest ja mal alte Künstler interviewen.
Ich: Mmmmmmh.
K3: Wie wäre es, wenn du Campino fragst?

Hust. Alte Künstler. Campino. Der arme Kerl ist gerade mal 50. Das ist nicht gerade alt, in einer Zeit, in der Frauen immer häufiger mit 46 oder 47 ihr erstes Kind bekommen. Gut, dass er das nicht gehört hat. Obwohl ich bei allen fünf Konzerten der “Krach der Republik”-Tour, denen ich beiwohnen durfte (Hamburg, zweimal Berlin, Köln und Düsseldorf, yeah!), immer gedacht habe: Der Junge kippt eines Tages mit nem Herzinfarkt von der Bühne. Weil er immer 120% gibt. Ach, was sag ich: 150. Die ganze Band eigentlich. Vermutlich der beste Tod, den er sich vorstellen könnte, wenn man mal von der anderen Variante absieht, die Männer ja angeblich bevorzugen. You know, what I mean.

Tja. und der Tod ist ja wohl die entschleunigtestetete Sache der Welt.

Auf ein langes, langes Leben, Campino, mit mindestens 30 weiteren DTH-Jahren! Ich werde euch in den nächsten zwei Jahren echt vermissen.

T-Shirt DTH-Tourfinale 2013 Düsseldorf

Wir sehen uns auf der nächsten Tour.

Petra
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Pyro bei DTH in Düsseldorf

re:publica 2013 live -Tag 2

Mein Introtext ist verschwunden . Egal, re:publica-fast-Liveblogging (ich komm gar nicht hinterher), Tag 2

Dienstag, 07. Mai 2013

Tag 2, 7. Mai 2013
((Heute nicht umgekehrt chronologisch,  das fand ich leseunfreundlich gestern, zumindest, wenn man am Schluss alles zusammen lesen möchte. Wenn ihr nach Updates gucken möchtet, müsst ihr heute dann bitte runterscrollen)

11:45 Uhr, endlich in der Station Berlin. Vorher noch Küchenschrämke abgebaut und Handwerkern hinterhertelefoniert. Und wie gestern schon, war niemand zu sehen, obwohl 5.000 Leute hier rumrennen.

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Ich schrub es im letzten Jahr schon: Station Berlin ist das alte Postamt 77 am Gleisdreieck, wo ich als Studentin Pakete sortiert habe. Als re:publica-Location gefällt es mir aber besser ;-)

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Ich fand dann aber doch, nämlich meine Romberg-Mädels von Balkontosen und Cactus Pravtice. Aber bevor ich davon erzähle und das Foto hochlade, und mit wem ich eine angeregte Unterhaltung hatte, muss ich jetzt dringend was futtern! Bis gleich!

So, im stehend in der Futterschlange bloggen geht auch :-)

Also jetzt das versprochene Foto:

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Cactus-Practice, Balkonrosen und Bauerngartenfee (also ich, wer das noch nicht weiß)

Eigentlich bin ich ja nur dort hinauf gegangen, um für euch mal den Hof der Station Berlin von oben zu fotografieren:

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Als ich ankam, hatte ich noch das getwittert:

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Im Hof tauchte sie dann auch noch auf:

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Freundlicherweise hat mir dann Sara Kuttner herself wieder in Erinnerung gebracht, wie “Dings” nochmal heißt:

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———- to be continued, jetzt erstmal live von der Yarnbombing-Session: Wie Internet das Crafting verändert und Crafting das Internet verändert.—-

Für mich, die ich in den 80ern in der Schule, im Hörsaal, stehend an der Bushaltestelle, etc. gestrickt habe, ist es mehr so ein Dėja vu ;-) Und auch mit Yarnbombing / Guerillaknitting habe ich mich schon befasst. Daran sieht man schon, dass “Handarbeiten” zunehmend im öffentlichen Raum stattfindet.

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Foto: Kiki Haas und Daniela Warndorf, Stage 5

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Foto: Daniela Warndorf

Daniela hat im Rahmen des Craftings auch Social Commerce Plattformen wie Etsy, Dawanda, Spreadshirt vorgestellt.

Kiki geht intensiver auf Ravelry ein:

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Ravelry ist eine riesige Crafting-Community, im Grunde ein Facebook für Stricker, Häkler, Näher, etc., hab jetzt keine Lust auf Gendersprech.

Der Handarbeitsmarkt legt jedenfalls stark zu - da gibt es offenbar noch viel zu verdienen. Durch das Internet wird die Nachfrage angeheizt, weil auch immer neue Techniken auftauchen und ggf. spezielles Material erfordern

Bei der Frage, wo über das Crafting berichtet wird, ist interessant, dass die Leute, die 10 bis 20 Jahre stricken, die sind, die in ihren eigenen Blogs darüber berichten. Die Neu-Crafter nutzen eher Facebook, Pinterest, etc

Bei der nächsten Session auf derselben Stage haben die Veranstalter die Beliebtheit unterschätzt: Stage 5 war völlig überfüllt. @karrierebibel Jochen Mai (der sich zum Vorjahr optisch ziemlich verändert hat, by the way, interesting, hat jetzt ne charmante Öko-Optik, und ich komme mir grad vor wie ne Klatschreporterin, haha) und @punktefrau berichteten über Bewerbung 2.0. Kreative Onlinebewerbung halt, die Christine (Nachnamen muss ich gleich nochmal nachgucken) selbst durchexerziert hat:

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Foto:Christine @punktefrau, Jochen Mai @karrierebibel

Sehr viel Info in sehr kurzer Zeit, ich komme kaum hinterher. Das muss ich dann höchst unlive später nochmal zusammenfassen.

re:publica 2013 live

Es ist wieder Zeit für meine Lieblings-Bloggerkonferenz re:publica, und ich dachte, ich lasse euch mal live dran teilhaben, falls das so klappt, wie ich mir das denke. Ganz persönliche Eindrücke nur, also erwartet nichts Weltbewegendes ;-)

Montag, 06. Mai 2013

Tag 1, 6. Mai 2013
(umgekehrt chronologisch, wenn ihr von Anfang an lesen wollt, müsst ihr ein bisschen scrollen)

18:00 Uhr, wieder zu Hause. Ich hab mich verkrümelt, so leid mir das tat, weil ich noch weiter ausräumen muss. Fazit meines ersten re:publica-Tages: Spät gekommen, früh gegangen, zwei Sessions rund um mein Lieblingsthema YouTube - ich bin zufrieden. Ein Satz, der mir auf dem Nachhauseweg in den Kopf kam: Die re:publica und die gesamte Internetwelt hat auf gewisse Weise ihre Unschuld verloren. Vielleicht ist das nicht neu, aber dieses Gefühl machte sich heute diffus in mir breit.

Morgen geht es mit der Live-Berichterstattung weiter. Ihr dürft in den Kommentaren gerne was dazu sagen - ich würde mich freuen!

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16:00 bis 16:45 Uhr. YouTube macht die Stars von morgen, u.a. mit re:publica-Mitorganisator Johnny Häusler, aka @spreeblick, sowie Christoph Krachten von @clixoom. Müsste gleich losgehen. Ich bin inzwischen bei Stage 2 weiter nach vorne gewandert.

Cool, Amy (Diamond of Tears), Simon (Ungespielt) und Florian (LeFloid) von YouTube sind auch hier:

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Johnny meint, es wäre schwierig gewesen, erfolgreiche YouTuber aufs Podium zu bekommen, weil sie “vor so vielen Leuten” nicht reden könnten. LeFloid hat z.B. 690.000 Abonnenten. Aber allein vor der Kamera ist halt tatsächlich anders, als vor mehreren hundert Leuten in einem Saal. Ich mag übrigens beides ;-)

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Bisschen unscharf, aber die iPad-Kamera kommt mit Dämmerlicht und Zoom nicht so allerbestens klar.

Natürlich geht es in der Diskussion auch um Abonnentenzahlen (s.o.), Clickzahlen, und die Anzahl der Kommentare. Positive Kommentare sind eher selten, da klicken die User einfach einen Daumen hoch,  aber die Hater und Idioten machen sich eher die Mühe, zu kommentieren.

LeFloid: “Zahlen sind Feedback. Man sieht, feiern die Leute, was ich mache oder muss ich an der Interaktion mit den Zuschauern was ändern?”

Auch schön: Simon schrieb auf seinem Let’s Play Kanal, dass er “auf so ner Bloggerkonferenz” sei, und er wolle einen Ausschnitt aus nem Minecraft-Video nehmen, aber “die harten Sachen muss ich rausschneiden, da sind fast nur Erwachsene.” :-D

16:35 Uhr, Christoph Krachten ist jetzt auch auf dem Podium. Er macht ja nicht nur den Clixoom-Kanal, sondern auch das Netzwerk Mediakraft, mit dem er mittlerweile 130 Millionen Klicks im Monat für die Network-Mitglieder generiert

Johnny erinnert an eine alte re:publica, wo man im Panel “Geld verdienen mit Blogs” vier Stunden drüber stritt, ob man ein Banner aufs Blog packen darf, oder ob das Geldverdienen mit Blogs grundsätlich böse ist. YouTube ist da jetzt ne andere Größe und ich persönlich hoffe sowieso, dass endlich mal klar wird, dass Arbeit (und Bloggen / Vloggen IST Arbeit) auch bezahlt werden sollte. Wobei auch auf YouTube anfangs alle rumheulten von wegen, “du hast dich verkauft, du bist nicht mehr real” was jetzt in “Ey, du bist jetzt im Netzwerk, du hast es geschafft!” (Simon) umgeschlagen ist. Entbehrt nicht einer gewisen Komik.

“Die Leute wollen ihre Videos sehen, am besten bitte immer an einem bestimmten Wochentag und schön aufwändig produziert, aber sie wollen nicht wissen, dass die YouTuber für diesen Aufwand auch bezahlt werden und meckern über Prerolls” (LeFloid).

Zuschauerfrage: “Wie kommt man in ein Netzwerk hinein?” Antwort: “Entweder man bewirbt sich bei einem der Netzwerke per Formular, oder man wird angesprochen.”

Zuschauerfrage: “LeFloid, deine Themen landen bei uns am Abendbrottisch (vergewaltigte Frauen, etc.). Bist du dir der Verantwortung bewusst?” Ist er.

Frage an alle: “Wird YouTube euer Zuhause bleiben, oder wartet ihr auf den Sprung ins Fernsehen?” Grundsätzlich sehen alle drei YouTube als ihre Heimat. Simon hat seit drei Jahren selber nicht ferngesehen, weil man sich seine Programme da nicht aussuchen kann. Amy würde TV bestenfalls als Zusatzeinnahmequelle sehen.

Der andere Netzwerk-Mensch (Name nicht mitbekommen) denkt, dass vieles Hand in Hand geht und sehr viele junge Leute mit unglaublichem Wissen heranwachsen. Und Christoph fragt, wieso man ins Fernsehen soll, wo auf YouTube mehr Leute zusehen ;-)

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14:45 bis 15:45 Uhr, ich muss natürlich zu den YouTube-Sessions. Nachdem wir (@frau_brecht, @watson_works und ich) uns mit aus den Restaurant geklauten Stühlen in die letzte Reihe von Stage 2 gemogelt. Betram Gugel und Markus Hündgen reden über YouTube zwischen Wildwest und Goldgrube, wobei Markus (@videopunk) via Livestream aus Düsseldorf zugeschaltet ist. Zunächst wird mit Vorurteilen über YouTube aufgeräumt. Ich wusste es natürlich, aber wusstet ihr, dass YouTube das größte Social Network ist? Größer aus Facebook. Als ich 2009 damit anfing, war mir noch gar nicht bewusst, dass es nicht nur Videos dort gibt, sondern dass es eine eigene Community ist, mit sehr speziellen Mechanismen.

Markus Hündgen- YouTube-Session

Analog zur Entwicklung im TV gibt auch YouTube Sendern Geld in die Hand, damit sie Webvideoinhalte produzieren. Leider haben viele von denen das YouTube-Prinzip nicht verstanden. Klassische TV-Programme funktionieren dort nicht, und das müssen die Sender erst lernen.

Fühle mich ertappt, bei dem “Hallo Leute!” / “Hi meine Lieben!”-Video-Einstieg-Zusammenschnitt unterschiedlicher YouTuber. Altbewährte Formate setzen sich eben wirklich durch. Kein Wunder, dass die Sender so unflexibel sind. Wir sind es ja auch ;-)

In der Session werden auch die (noch relativ neuen) YouTube-Netzwerke erklärt. Die Netzwerke helfen einzelnen YouTubern dabei, bekannter zu werden, weil das alleine kaum noch zu schaffen ist. Hinter allem stehen natürlich Werbetreibende und das entsprechende Geld. Netzwerke haben die Connections zu den Werbekunden und unterstützen auch die Channels / Videos bei der Produktion. Ich hatte ich auch mal grob mit YouTube-Netzwerken beschäftigt, und von da hab ich mitbekommen, dass man sich in dem Fall entscheiden muss: YouTube-Partner sein oder einem Netzwerk beitreten. Netzwerke bieten auch Hilfen bei sog. Strikes, also wenn Videos wg. Contentverletzungen abgestraft werden. Nach 3 Strikes fliegt man raus und kann auch am Monetarisierungsprogramm nicht mehr teilnehmen. Blöd für diejenigen, die von YouTube leben.

Zuschauerfrage:“Was muss eine Regierungsorganisation tun, damit ihre Videos erfolgreich werden?” Antwort: “Zunächst einmal muss sie interessante Inhalte bereitstellen.” Gelächter :-)

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14:15 Uhr, noch immer in keiner Session gewesen.  Mit @frau_brecht und @VolkerGoebbels an die Futterschlange gestellt, und kaum eine halbe Std. später hatten wir Spagetti mit Hähnchen und Currysauce bzw. Penne mit Flusskrebsschwänzen und Mozzarella. War lecker!

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13:20 Uhr, @kaltmamsell hat mich aufgegabelt und aus dem Gespräch entwickelte sich eine Idee für ne Session in 2014, die sie gleich @tknuewer vorstellte. @fiene stand auch dabei. Ich krieg Hunger, aber die Schlange ist jetzt gigantisch.

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12:45 Uhr, ich bin endlich angekommen. Wegen unserer Sanierung musste ich noch Dinge klären und weitere Sachen aus dem Haus schleppen. Aber wenn es danach ginge, könnte ich diesmal überhaupt nicht an der #rp13 teilnehmen, wie der offizielle Twitter-Hashtag für die Veranstaltung heißt.
Ich begab mich erstmal zu den Sitzgelegenheiten, die 2012 als “Affenfelsen” bekannt geworden waren. Ich habe genau niemanden getroffen, den ich kannte, obwohl viele “meiner” Leute hier sind. Sitzen wohl alle in den Sessions. Höre / lese Reaktionen der Session “So nutzen Kids das Web”. Hatten sich wohl viele Leute anders vorgestellt, die Veranstaltung. Langsam füllt sich der Futterraum.

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Jeder kann Autor werden!

Grafik"Wie schreibe ich ein Buch?" Ich habe nicht gezählt, wie oft ich das schon gefragt wurde. Gerade am letzten Wochenende kam die Frage wieder auf. Da dies nicht in einem Satz zu beantworten ist und auch nicht in dreien, starte ich heute ein Artikelserie zu diesem Thema. Alle Beiträge dazu sammle ich der Themenspecial-Seite Wie schreibe ich ein Buch? Die könnt ihr schon mal bookmarken ;-)

Montag, 25. Februar 2013

Zur Frage nach dem Bücherschreiben gehört fast zwangsläufig auch der bange Nachsatz: “Kann ich das denn überhaupt?”

Grundsätzlich kann jeder Mensch Autor werden, denn Autor sein heißt ja zunächst nichts anderes, als einen Text verfassen zu können. Man schreibt etwas und ist Autor dieses Textes. Wie gut oder schlecht der Text ist, ob der Verfasser Orthografie und Grammatik beherrscht und in der Lage ist, Spannung aufzubauen, das ist dem Begriff “Autor” nicht anzusehen. Der Begriff ist auch nicht geschützt, also kann sich theoretisch jeder Textverfasser Autor nennen und das auf seine Visitenkarte drucken lassen.

Denn das Wort Autor steht in unserem Sprachgebrauch mittlerweile als Begriff für den Beruf des Autors oder Schriftstellers, wobei dies zwei verschiedene Paar Schuhe sind, aber dazu später. Wer mich also fragt: “Meinst du, ich kann auch Autor werden?”, meint eigentlich “Glaubst du, ich kann gut genug schreiben um veröffentlicht zu werden?”

Wer darf sich Autor nennen?

Veröffentlichung ist nämlich das magische Wort für fast alle Menschen, die vom Schreiben träumen. Und auch ich habe mich erst nach meiner ersten Buchveröffentlichung Autorin genannt und nicht etwa bei der ersten veröffentlichten Geschichte in einer Anthologie oder gar noch früher. Sonst wäre ich mir wie ein Hochstaplerin vorgekommen. Aber nach der Veröffentlichung in einem unabhängigen Verlag, der mich selbstverständlich für meine Arbeit bezahlt hat - und nicht etwa umgekehrt! - wusste ich, dass ich ein Buch bis zum Ende schreiben und Leser damit unterhalten kann. Und ich wusste, dass die Arbeit der Autorin fortan mein Beruf sein würde.

Wenn die Frage also bedeuten soll: “Glaubst du, ich werde gut genug schreiben können, um eines Tages veröffentlicht zu werden, ohne dass ich dafür jemanden bezahlen muss?”, antworte ich: “Es kommt darauf an, was du dafür zu tun bereit bist.”

Talent schadet nicht

Es gibt die Verfechter der These, dass man Autor nur mit Talent werden kann. Talent schadet natürlich nicht, und Menschen mit einem gewissen Schreibtalent fällt es höchstwahrscheinlich leichter, die Regeln zu verinnerlichen und kreativ zu nutzen, auf die es beim Schreiben ankommt. Nur denke ich, dass es auch möglich ist mit Leidenschaft und Fleiß ans Ziel zu kommen. Vorausgesetzt, man ist bereit, das Schreibhandwerk zu erlernen und seine Texte auch selbstkritisch zu betrachten, bzw. konstruktive Kritik anzunehmen.

Gesetzt den Fall, du hast eine Idee über die du gerne schreiben möchtest - schreib! Vielleicht nicht gleich 400 Seiten, sondern fang einfach erst einmal an. Du wirst rasch an einen Punkt kommen, an dem deine Geschichte feststeckt. Die Idee war vielleicht gut, aber eine einzige Idee trägt keinen ganzen Roman. Spätestens jetzt solltest du den Schreibratgeber auspacken, dieses Themenspecial weiter verfolgen oder dir Rat von anderen holen. Oder alles zusammen. Dabei lernst du sprachliche Stilmittel kennen und wie du sie am effektivsten einsetzen kannst. Du lernst, wie man einen Plot so aufbauen kann, dass eine spannende Handlung entsteht und vieles mehr. Und du solltest andere Autoren lesen, egal ob sie gute oder schlechte Bücher geschrieben haben, wie immer man das auch definieren möchte. Das ist nämlich eine gute Methode, um die Anwendung der theoretisch erlernten Stilmittel in freier Wildbahn kennenzulernen. Und mitunter lernst du von den schlechten Büchern sogar mehr als von den guten, denn es fällt dir mit dem neu erlernten theoretischen Hintergrundwissen auf, wie du es lieber nicht machen möchtest. Und dann schreibst du selber. Und überarbeitest. Und schreibst neu. Und irgendwann zeigst du dein Manuskript jemandem, der sich mit der Materie auskennt und hältst das Feedback aus. So wirst du Schritt für Schritt dem Ziel näherkommen Autor zu werden.

Oder, kurz gelistet:

  • Idee haben
  • Schreibhandwerk erlernen
  • Kritikfähig sein
  • Schreiben
  • Lesen
  • Schreiben
  • Schreiben
  • Lesen
  • Schreiben
  • Schreiben
  • Schreiben
  • Dranbleiben
  • Durchhalten
  • Durchbeißen
  • Kritikfähig bleiben
  • Weiterschreiben
  • ENDE schreiben

Wenn du jetzt schon sagst: “Puh, ach, so viel Arbeit ist das?”, dann wirst du höchstwahrscheinlich auch daran scheitern, ein Buch tatsächlich bis zum Ende zu schreiben. Es gibt viele Schreibenwoller mit Schubladen voller Romananfänge. Dranbleiben und Durchhalten ist jedoch das Zauberwort, das dich auf dem Weg zum echten Autorendasein weiterbringt. Und an der Technik feilen wir noch ;-)

Ich freue mich, wenn ihr auch beim nächsten Mal wieder reinschaut, wenn es heißt:
Ich würde gerne ein Buch schreiben, habe aber leider gar keine Zeit dafür.

Liebe Grüße und keep on writing -

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Alle Beiträge zum Themenspecial Wie schreibe ich ein Buch? findet ihr hier.

Grundsätzliches:

Figuren

Handlung entwerfen (Plotten)

Hartz 4 und trotzdem Gymnasium und Uni?

GrafikHeute Morgen fand ich über zig Umwege den obenstehenden Tweet von @Faserpiratin und konnte nicht anders als draufzuklicken. Denn mein erster Gedanke war: Ja, warum denn auch nicht?

Samstag, 02. Februar 2013

Nachdem ich das Posting Wenn du dann studieren gehst ... gelesen hatte, war mir klar, dass ich in meiner Schulzeit entweder auf einer Insel der Glückseligen gelebt habe, oder dass sich heute alles zum Schlechten verändert hat (was mir meine Kinder nur zum Teil bestätigten, aber dazu später mehr).

Kindheit in den 60er und 70er Jahren

Ich war ein halbes Jahr alt, als meine Eltern mit mir in eine Sozialbausiedlung zogen, wie sie in den 60er Jahren überall in den Berliner Außenbezirken entstanden. Es war eine Siedlung in Zeilenbauweise. In unserem Karrée gab es drei- bis sechsgeschossige Häuser, dazwischen viel frisch angelegter Rasen und Spielplätze. Ein Stück weiter in Richtung Grundschule lag eine Straße mit Einfamilienhäusern. Keine Villen, sondern einfache Häuschen.

1970 bin ich eingeschult worden. In meinem Karrée - und somit in meiner Grundschulklasse (wir waren 41 Kinder!) - gab es mehrere Schüler aus Familien, deren Eltern sich Klassenfahrten u.ä. nicht leisten konnten. Zum Teil wegen Arbeitslosigkeit oder weil sie einfach mal 7 Kinder hatten. Ob diese Familien dann auch “vom Amt” überprüft wurden, wie es bei der Faserpiratin der Fall war, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Akademikereltern gab es in meinre Klasse wenige. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die Berufe der Eltern je Thema waren, außer bei einem Mitschüler, dessen Eltern ebenfalls Lehrer waren und sich auf Elternabenden wohl immer sehr aufplusterten, sonst hätte ich das nicht erfahren. Auch meine Eltern hatten “nur” mittlere Reife, und mein Vater war zwischendrin auch mal arbeitslos, weil die Firma, in der er angestellt war, pleite ging. Aber wie gesagt, das war nie Thema in der Schule und meine Mutter arbeitete ja auch, sodass zumindest ich keine finanziellen Einbußen bemerkte.

Unterstützung von Mitschülern und Lehrern

In der Klasse haben wir immer für die Mitschüler gesammelt, damit sie bei Klassenfahrten und Ausflügen mitfahren konnten (gibt es eigentlich heute noch die Spendensammlung für Schullandheime? Aus diesem “Topf” kam nämlich auch immer noch Geld) und glücklicherweise gab es noch Lehrmittelfreiheit, sodass nicht auch noch die Kosten für Bücher anfielen.

Außerdem haben wir von unseren Lehrern viel über Toleranz und angemessenes Sozialverhalten gelernt. Dann kam ich aufs Gymnasium. Das war nie eine Frage, weder für mich noch für meine Eltern, die zur Not ihr letztes Hemd dafür gegeben hätten, mir die Bildung zu ermöglichen, die ich mir mit meinen durchweg guten Schulnoten quasi verdient hatte. Und auch auf dem Gymnasium ging es ähnlich zu, wie auf der Grundschule. Dort gab es eine natürliche Durchmischung verschiedener sozialer Schichten. Keine Superreichen, keinen Markenwahn und ich kann mich an keine Ausgrenzung aus finanziellen Gründen erinnern. Dafür aber an etwas anderes:

“Arztpapis und Rechtsanwaltmamis”

In Berlin geht die Grundschule ja bis einschließlich 6. Schuljahr. Damals gab es auch noch keine Ausnahmen, allerdings war angedacht unsere Schule zum allerersten sog. “grundständigen Gymnasium” zu machen, d.h. zwei Klassenzüge sollten bereits ab der 5. und nicht erst ab der 7. Klasse beginnen. Für diese Schüler sollte dann auch Latein als Leistungskurs Pflicht sein.

Da war der Aufschrei unter uns Schülern groß. Die Befürchtung, nun würden “lauter Arztpapis und Rechtsanwaltsmamis ihre Kinder an unsere Schule schicken” wurde häufig laut geäußert. Wir wollten nicht, dass Bildung plötzlich ein Privileg der Besserverdienenden würde. Denn dass es diese Berufsgruppen wären, die darauf aus sind, ihre Kinder möglichst früh aufs Gymnasium zu bringen, das war uns rasch klar. Und die Reaktion lässt auch darauf schließen, dass Ärzte, Anwälte, etc. bei uns bislang nicht in Erscheinung getreten waren. Oder dass einfach niemand darüber geredet hat. Denn, wie gesagt, auch dort war Markenwahn bis dato unbekannt. Klar, manche trugen “Roots” (ich war von der Alternativen Fraktion), aber wer sich die nicht leisten konnte, wurde auch in seinen Turnschuhen nicht schief angesehen. Gedisst und gemobbt wurde natürlich trotzdem hier und da, auch wenn es längst noch nicht so hieß und auch nicht mit der Vehemenz ausgeübt wurde, wie sie heute offenbar üblich zu sein scheint. Aber nicht wegen Geldmangel. Wenn jemand keines hatte, dann konnte er nicht dafür, wieso ihn also damit ärgern? Offenbar gab es bei uns noch eine Hemmschwelle bei manchen Dingen. Wir haben aber auch nicht nachgetreten, wenn jemand schon am Boden lag, weder sinnbildlich noch buchstäblich. Etwas, das heute teilweise außer Kraft gesetzt scheint.

Kein Auto, kein Telefon, kein Urlaub? Nichts Besonderes bei uns

In meiner Clique war beispielsweise ein Mädchen, deren Eltern keinen Telefonanschluss hatten. Wir fanden das zwar seltsam (ihr Vater war angeblich einfach gegen diesen “neumodischen Schnickschnack” - Ende der 70er / Anfang der 80er *g*), aber es war halt so. Und Handys waren noch nicht erfunden. Wir haben sie deshalb aber weder gemobbt noch außen vor gelassen. Stattdessen haben wir uns entweder direkt in der Schule verabredet, oder eine von uns ist bei ihr vorbeigeradelt und hat sie informiert. Stundenlanges SMSen oder zig Messages via Facebook, bis man sich endlich auf einen Treffpunkt einigt und was man eigentlich machen will, nur um in letzter Minute alles wieder umzuschmeißen - das kenne ich nur von unseren Kindern. Gab es bei uns einfach nicht und war völlig ok so. Eltern ohne Auto waren auch nichts Besonderes.

Zeitgeist?

Ich habe mich natürlich gefragt, ob dieses relativ friedliche Zusammenleben daran lag, dass wir “alle sowieso nix hatten” (jedenfalls nichts, was andere hätte neidisch machen können). Oder ob uns unsere Mitschüler gleichgültig gewesen waren. Und ob das heute überall so ist, wie die Faserpiratin es erlebt hat.

Zum einen hatten wir tatsächlich offenbar alle etwas Besseres zu tun, als uns den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Eltern Geld hatten und welche nicht. Wenn jemand einen gewissen Luxus besaß, wie etwa ein Ferienhäuschen im Ausland, dann deshalb, weil die Eltern in ihren “einfachen” Berufen hart dafür gearbeitet und ewig gespart hatten. Dafür gab es dann zu Hause eben öfter mal Bratkartoffeln.

Und wie ist es heute? Mein Liebster und ich (beide Akademiker mit Nichtakademiker-Eltern), wir sind weiter an den Stadtrand gezogen, in ein halbes Siedlungshaus, wo sich nun zwei Erwachsene und vier Kinder drängeln. Wir können uns einiges leisten, wissen aber auch, wie es war, als wir als Studenten mit 6 Mark am Tag zu zweit irgendwas Essbares auf den Tisch bringen mussten. Wir konnten nicht zu unseren Eltern gehen und sagen “Jetzt ist Wochenende, ich brauch ein bisschen Kohle zum Feiern”. Die hätten uns nämlich was gehustet. Für unser erstes gemeinsames Möbelstück (ein Hochbett, um in unserer Ein-Zimmer-Wohnung ein bisschen mehr Platz zu schaffen), sind wir nachts um drei aufgestanden und putzen gegangen. Unsere Kinder haben da schon deutlich mehr Luxus. Aber als ich sie gefragt habe, wie es denn bei ihnen in der Klasse ist, ob da Kinder sind, die aus finanziellen Gründen nicht mit zu den Klassenfahrten könnten, und wie sie denn damit umgingen, war ich über die Antworten erstaunt und erfreut.

Bildung nur für Reiche?

Es gibt nämlich auch heute an den Gymnasien Kinder, deren Eltern kein überflüssiges Geld haben. Als ein Mitschüler kein Geld für die Klassenfahrt hatte, hat man eben eine Lösung gefunden das Geld aufzutreiben. Keiner kommt auf die Idee, ihn deshalb schief anzusehen. Liegt es an der Klassengemeinschaft? Natürlich gab und gibt es dort Nervensägen, die es aufgrund ihrer Art anfangs etwas schwerer hatten sich zu integrieren. Aber auch diese sind mttlerweile selbstverständlicher Teil der Klassengemeinschaft; die Schüler setzen sich für sie ein und mögen sie. Und wenn sie dazu noch arm wären wie die Kirchenmäuse, würden die Mitschüler sich etwas einfallen lassen, wenn es um finanzielle Dinge ginge. Wer kein Geld für ein Geburtstagsgeschenk hat wird trotzdem eingeladen und muss nichts mitbringen. Ich finde es wirklich tröstlich, dass es offenbar noch Schüler gibt, die von ihrern Eltern so etwas wie Werte mitbekommen haben, auch wenn sie selbst eher privilegiert sind.

Ich habe aber auch schon von Grundschulmüttern gehört, die lieber keinen Antrag auf finanzielle Unterstützung bei Schulbüchern stellen, weil es vorkommt, dass Lehrer das vor der gesamten Klasse diskutieren und dann schon mal dumme Sprüche von den Mitschülen kommen. Dann wird das Geld für das nächste Schulbuchjahr eben centweise woanders gespart um dem Kind die erneute Schmach zu ersparen.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich das, was die Faserpiratin bei ihrer Abiturfeier erlebt hat, besonders perfide aus:

Bei der Zeugnisvergabe bekamen dann unsere beiden Besten von der Schule eine nicht unerhebliche Summe Geld geschenkt. Eine Freundin aus ähnlichen finanziellen Verhältnissen und ich bekamen kaum den Mund zu. Wir beide hatten richtig gekämpft für unseren Abschluss und beide sehr gut abgeschnitten. Wir sind sehr früh selbst arbeiten gegangen - ich habe in den feinsten Häusern Nachhilfe gegeben. Wir hatten beide einen Studienplatz in Aussicht und wussten nicht, wovon wir da leben würden. Die beiden, die von unserer Schule mit Geld belohnt wurden, bekamen beide von ihren Eltern einen Laptop zum Abi.

Toleranz vs. Dummheit?

Fazit ist, ich habe nicht herausfinden können, welche Parameter gegeben sein müssen, damit sich “reiche” Kinder über Hartz 4- Kinder lustig machen. Vielleicht haben wir hier alle noch nicht genügend Kohle um die Arroganz gleich mitgepachtet zu haben. Möglicherweise muss man schon reich geboren sein (geerbt haben, wasweißich) und den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben um sich gegenüber denen aufzuspielen, die nichts dafür können, dass sie kein Geld haben.

Deshalb wüsste ich gerne von euch, ob ihr Ähnliches erlebt habt, wie das, was die Faserpiratin in ihrem wirklich lesenswerten Posting schreibt, sei es auf der Seite derer, die nichts haben oder als “neutraler Beobachter”. Denn dass die, die auf Hartz4-Familien herabsehen, sich hier melden, halte ich für eher unwahrscheinlich ;-)

Ich danke euch dafür, dass ihr bis hierher durchgehalten habt.

Tolerante Zeiten wünscht euch

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