Der Tod auf Latschen

... war es nicht, den ich neulich traf, sondern der auf Rädern. Ich gebe zu, es war eine 30-Zone, aber das Auto vor mir fuhr nur knapp 20 km/h. Mitten auf beiden Fahrbahnen. An einer Einmündung überholte ich und bekam einen Schreck: Ein uraltes Männlein mit eingefallenem Gesicht (null Unterhautfettgewebe mehr), saß zittrig am Steuer. Neben ihm irgendjemand, der deutlich fahrtüchtiger aussah. Das inspirierte mich zu diesem Cartoon:

Montag, 16. Mai 2016

Der Tod fährt Auto. Cartoon von Petra A. Bauer, Mai 2016

Grammatik ist Glückssache

Auch in der deutschen Sprache gibt es unregelmäßige Verben. Und die sollte man kennen. Ganz besonders, wenn man Journalist in einem bekannten Musikmagazin ist.

Samstag, 17. Mai 2014

Was ist das Präteritum von

Ich wundere mich über gar nichts mehr. Und ich bin auch nicht sicher, wie viele meiner Leser das Präteritum von “erringen” kennen. Aber eins ist klar: Bei der miesen Honorargestaltung in der deutschen Medienlandschaft, muss sich niemand mehr wundern, wenn Heino erringte anstatt errang.

Ich vermute, dasss der Journalist (der Name steht nicht beim Artikel, nur der Name der Zeitungsredaktion) sehr wohl weiß, wie die richtige Wortform lautet, und ihm mache ich auch keinen Vorwurf. Der Vorwurf geht an die Geiz-ist-geil-Mentalität unserer Gesellschaft, wo Dienstleistungen nich tmehr nach Qualität ausgesucht werden, sondern danach, wer sie am billigsten anbieten kann.

Obendrauf kommt der Druck. Gerade wo durch das Internet alles immer schneller fertig werden muss und jede Meldung online steht, sobald das jeweilige Statement den Mund des Zitierten verlassen hat. Uns allen unterlaufen Fehler. Auch mal peinliche, wie der im Foto - obwohl wir es besser wissen. Aber unter Zeitdruck entdeckt man das nicht. Und die Schlussredaktion hat heute auch keine Zeit mehr, nochmal alles in Ruhe nachzuprüfen.

Aktualität zu Lasten von Quälität kann also nicht der Weisheit letzter Schluss sein.

 

Machen Verlage die Autoren kaputt?

Schreiben & VeröffentlichenMachen Verlage die Autoren kaputt? Die Frage klingt ein bisschen provokant und so soll es ja auch sein. Ich hätte ebensogut fragen können: Machen Imprints die Autoren kaputt? Oder Machen Trends die Autoren kaputt? Und was meine ich überhaupt mit "kaputt"?

Freitag, 22. Februar 2013

Zunächst einmal: Man setze zwei oder mehrere Autoren zusammen und sie beginnen zu klagen. Da nehme ich mich keinesfalls aus, denn es gibt ja auch genug zu jammern. Die einen lamentieren über die wachsende Welle der Selfpublisher - früher bei Print on Demand heute bei Ebooks, die ohnehin für manche Autoren das Ende der Welt bedeuten, während andere Kollegen es als Chance auf eine völlig neue (zusätzliche) Leserschaft sehen. Wir schimpfen über Verlage, die viel Geld für Buchveröffentlichungen von den Autoren verlangen und über Veranstalter, die kein Honorar für Lesungen zahlen wollen. Andere regen sich über Amazon (jetzt sowieso) und das Bewertungssystem auf. Ein sehr großer Teil der Autorenschaft schimpft aus diversen Gründe auf die Verlage.

Aber alle sind sich einig: Dieses Warten auf den nächsten Trend ist die Pest.

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Der Otto-Normalleser geht vermutlich noch immer davon aus, dass ein Schriftsteller eine Geschichte erzählen möchte, die einfach “raus” muss und mit diesem Manuskript dann einen Verlag sucht. Und wenn das Buch bei der Leserschaft gut angekommen ist, gibt es eine Fortsetzung oder ein weiteres, davon unabhängiges Buch. So war das früher mal, und bei manchen Autoren ist es auch heute noch so. Die Chance, dass es genau so läuft, ist allerdings bei kleinen Verlagen, die aus Idealismus gegründet werden, höher als bei den Publikumsverlagen, die sich den Gesetzen der Marktwirtschaft unterwerfen müssen. Denn dort wartet man schon lange nicht mehr auf eine gute, ungewöhnliche Geschichte, abseits von jedem Trend und jeder Schublade (auch da gibt es Ausnahmen, aber ich will ja hier von dem sprechen, was eher häufig passiert, also bitte ich auch im Folgenden die Verallgemeinerung zu entschuldigen).

Marktgerecht schreiben

In den großen Verlagen veröffentlicht man Autoren, die den jeweils angesagten Trend gerade am besten bedienen können. Auftragsschreiber im weitesten Sinne. Denn auch Agenturen nehmen nur noch Exposés an, bei denen sie sicher sind, dass “die Verlage das gerade suchen”. Und die Verlage suchen das, was die Leser wollen. Denken sie. Und dann veröffentlichen sie so lange immer neue Bücher im selben Stil (historische Liebesromane mit immer gleichen Titelbildern, Vampire, Engel, Harry-Potter-Derivate, Dystopien, Sado-Maso-Storys, achja und nicht zu vergessen, noch mehr Vampire ...)  bis auch die Leser es nicht mehr sehen können. Das führt dann zu frustrierten Autoren. Denn wer zum ersten Mal in einem Publikumsverlag veröffentlicht wird, denkt rasch es “geschafft” zu haben. Die große Ernüchterung folgt, wenn es bei diesem einen Buch im Verlag bleibt, weil die Verkäufe weit hinter den Erwartungen zurückbleiben. Denn viele der Manuskripte wurden angenommen, um die große Nachfrage zu befriedigen. Die Nachfrage hat aber längst nachgelassen, wenn das Buch dann endlich veröffentlicht ist. In diesem Zusammenhang ist schon häufiger hinter vorgehaltener Hand das Wort Kanonenfutter gefallen.

Die Leser, die den Trend zunächst vielleicht wirklich mochten, bekommen dann für lange Zeit kaum etwas anderes. Denn WENN in der Verlagslandschaft erst einmal etwas als das Next Big Thing ausgemacht wird, der neue Trend, auf den alle lauern, und dafür meist nach Amerika schielen, dann stürzen sich auch alle Publisher drauf. Und reizen es aus bis zum Geht-nicht-mehr. Dumm für alle Autoren, die wirklich gute Geschichten mit anderen Themen in den Schubladen haben.

Zu früh, zu spät, zu komplex, zu Fantasy

Und so kommt es dann, dass Autoren mit Exposés zu spät (“Vor vier Jahren hätten wir das noch untergebracht!”) oder zu früh (“Vielleicht kommt das ja bald, aber die Verlage warten noch ab.”) bei ihren Agenten aufschlagen. Auch gerne genommen: “Das kann man keinem Genre zuordnen. Da wissen die Buchhändler ja nicht, wo sie es hinstellen sollen.” Und auf der Beliebtheitsskala ganz oben steht: “Bloß nichts mehr mit Fantasy!”

Nun wird Fantasy schon seit Jahren totgesagt, obwohl viele Leser phantastische Elemente in Geschichten sehr schätzen. Einige der schönsten Kinder- und Jugendbücher jenseits von Harry Potter sind Klassiker, die heute noch gerne gelesen werden, man denke nur an Pippi Langstrumpf oder Die Unendliche Geschichte. Dank Harry Potter und Twilight haben Verlage Fantasytitel und -linzenzen bis zum Abwinken eingekauft. So viele, dass sie immer noch nicht alle veröffentlicht sind. Dummerweise wollen Leser keine Vampirbücher mehr lesen. Ich bin nicht sicher, ob v.a. die Vampir-Schwemme in den Etagen der Entscheider dafür gesorgt hat, dass möglichst überhaupt keine Phantastik in Kinder- und Jugendbüchern mehr vorkommen darf.

Bei Young Adults sieht es schon wieder anders aus. Zum Teil sind eigene Imprints dafür gegründet worden

Imprints und Altersangaben

Imprints werden gegründet, um ein Verlagsprogramm in mehrere Segmente aufzuteilen.

Wikipedia erklärt Imprints so:

Ein Imprint ist im Verlagswesen eine Wortmarke, die im Buchhandel wie ein Verlag gehandhabt wird. Hinter ihr steht jedoch ein anders benanntes Verlagsunternehmen. Imprints dienen primär dem Marketing gegenüber dem Buchhändler und dem Endkunden. Den tatsächlichen Verlag nennt immer das Impressum. Große Verlage setzen Imprints ein, um ihr Verlagsprogramm in mehrere Segmente aufzuteilen. Imprints werden meist mit eigener Programmvorschau und weiteren Marketingmaßnahmen präsentiert; so lässt sich beim Händler größere Aufmerksamkeit erzeugen als mit einer einzigen Programmvorschau. Viele Verlage bedienen sich Imprints, um einen neuen Programmbereich im Handel zu etablieren, ohne das Verlagsprofil zu sehr aufzuweichen.

Stand früher häufig der ganze Verlag für eine bestimmte Literaturgattung, ist es heute schwieriger geworden, sich mit einem facettenreichen Verlagsprogramm anständig am Markt zu positionieren. Also wird man kleinteiliger. Als Beispiel (ohne Wertung) nenne ich einfach mal Egmont Lyx und Egmont Ink. Egmont Ink steht für spannende, hoch emotionale Bücher für Mädchen von 12 bis 16 Jahren (bei denen - hurra! - auch phantastische Elemente erlaubt sind). Bei Egmont Lyx werden Bücher im Bereich Romantic Thrill, Romantic Fantasy und Romantic History veröffentlicht. Beide Label gehören aber zu Egmont (der Verlag hat auch noch weitere Segmente in Imprints verwandelt). Die Leser kaufen aber eben nicht irgendein Buch vom Egmont Verlag, in der Hoffnung, dass es etwas für sie sein könnte, sondern sie kaufen Lyx und wissen genau, dass etwa alle dreißig Seiten eine Sexszene auftauchen wird (bitte nagelt - Ha. Ha. - mich nicht auf die genaue Seitenzahl fest). Und die Buchhändler wissen genau, in welche Ecke sie die Bücher stellen müssen. Was offenbar ein sehr starker Faktor im Buchbusiness ist.

Eigentlich könnte das eine gute Sache sein, führt aber nach meinem Empfinden dazu, dass zu viele Bücher nach Schema F geschrieben werden.

Ich finde es viel schöner, wenn der Autor die Marke ist. Ein Autor, der seinen eigenen Erzählstil hat, und dem die Leser es nicht übelnehmen, wenn das neueste Werk mal mehr historischen Hintergrund hat oder mal fantasylastiger ist. Dem ein Verlag auch mal Experimente gestattet. Nur muss er dafür seinen Namen erst einmal etabliert haben. Und das ist heute schwieriger denn je.

Shooting Star versus langsam aufgebauter Autor

Da gibt es natürlich die 8-Seiten-Vorschau-Autoren, die quasi aus dem Nichts auftauchen (auch wenn sie vorher schon diverse Bücher veröffentlicht haben, die aber eine kleinere Leserschaft hatten). Ich gönne es ihnen von Herzen, doch auf diesen Autoren liegt leider auch eine große Last. Denn es kann passieren, dass sich die Bücher trotz der Werbung nicht so verkaufen, wie geplant. Weil das Buch vielleicht in mehreren Foren schlecht besprochen wird. Oder weil das Genre noch zu “neu” ist und die Leute nicht drauf anspringen. Und WENN es sich so verkauft, wie erwartet - oder gar besser - dann steigt der Druck, das nachfolgende Buch (denn Folgeverträge sind bei diesen Größenordnungen ziemlich schnell auf dem Tisch; das ist der langen Produktionsdauer geschuldet) noch besser zu schreiben. Auch das ist nicht unbedingt der Kreativität zuträglich.

So cool solche Verträge mit Werbeschwerpunkt (und entsprechenden Vorschüssen, I guess) auch sein mögen, in gewisser Weise machen sie auch Angst. Ein sich langsam etabliert habender Autor mag auch mal ein Buch schreiben, das vielleicht aufgrund des Themas nicht so ankommt, wie der Verlag es erwartet haben mag. Vielleicht bleibt auch mal eine ganze Trilogie ein Stück hinter den Erwartungen zurück. Aber, neues Spiel, neues Glück. Wenn man einen Namen und eine starke Fanbase hat, läuft es beim nächsten Versuch wieder besser.

Leider bekommen die wenigsten Autoren heute noch genug Zeit sich zu etablieren, weil eben die Verlage nur noch den neuesten Trends hinterherhecheln. Was ich durchaus verstehe, wenn man den wirtschaftlichen Hintergrund betrachtet. In der Mode- oder Tech-Branche (nur um mal Beispiele zu nennen) ist es ja nicht anders. Nur bleiben leider die Autoren auf der Strecke.

Was tun mit den Schubladen voller Ideen?

Um bei der Fantasy bzw. Manuskripten mit phantastischen Elementen zu bleiben - da ist der Frust unter Autoren besonders groß, weil etliche der größeren Verlage - wie erwähnt - diese Storys inzwischen fürchten, wie der Teufel das Weihwasser. Diverse Kollegen sagen inzwischen, ok, wenn die großen Verlage nicht wollen, gehen wir eben wieder zu den kleinen. Oder es gibt Überlegungen, dass sich Fantasyautoren, die bereits eine starke Fangemeinde besitzen, sich zusammenschließen und mit dieser “Fanpower” einen kleineren Verlag “groß” (oder zumindest bekannter) machen. Auf jeden Fall bedeutet es für Autoren, finanziell zurückzustecken. Oder aber marktgerecht an den eigenen Wünschen vorbei zu schreiben und die guten Geschichten, die leider nicht im Trend liegen, auf ewig auf der Festplatte verstauben zu lassen. Viele meiner Autorenkollegen sind mittlerweile wirklich entmutigt.

Ich bekam inzwischen von mehreren Seiten den Tipp, mein aktuelles Manuskript einem bestimmten Imprint anzubieten, zu dem es gewiss hervorragend passend würde. Aber ganz ehrlich - ich hätte Angst, dann für immer und ewig genau so schreiben zu müssen. Und dabei ist es doch gerade die Vielfalt, die meinen Beruf ausmacht. Die Chance, meiner Kreativität freien Lauf lassen zu können. Deshalb sind wir doch Autoren geworden. Weil wir den Lesern gute Geschichten erzählen wollen. Geschichten, die sie überraschen. Und keine, bei denen klar ist, aha, das erscheint bei dem Verlag / Imprint, also kann ich mich auf spitze Zähne gefasst machen. So vergibt man auch die Chance, Leser für sich zu gewinnen, die sich nicht auf ein ganz bestimmtes Genre fokussiert haben.

Ebooks als Alternative?

Aufgrund der oben genannten Self-Publisher-Schwemme, halte ich es derzeit für kontraproduktiv Herzensprojekte als Ebook zu “verschleudern”, weil sie in der Masse derjenigen, die “unbedingt mal ein Buch schreiben” wollten, vermutlich untergehen wird, wenn man keinen großen Namen hat. Für mich sähe ich den Ebook-Markt derzeit eher als zusätzliche Möglichkeit vergriffene Bücher wieder aufzulegen. Oder für Autoren, die überhaupt kein Interesse daran haben, ihr Buch einem Verlag anzubieten - was es ja auch gibt. Letztlich ist es Geschmackssache, denke ich. Aber wenn man von der herkömmlichen Veröffentlichung als Papierbuch ausgeht, dann werden die Entfaltungsmöglichkeiten eben immer weniger. Ich verstehe die Verlagsseite durchaus, aber wir Autoren würden uns freuen, wenn trotz allem wieder mehr im eigenen Land nach tollen Büchern gesucht wird, die nicht schon von den Agenten im Vorfeld aussortiert werden müssen, weil “die Verlage sowas gerade nicht wollen”. Wer sagt denn, dass nicht irgendwo ein Vampirbuch schlummert, das völlig anderes ist als alle anderen, die bisher erschienen sind? Oder eine Geschichte, die mehrere Genres bedient und deshalb nach landläufiger Meinung nirgendwo hinein passt?  Möglicherweise ist es aber genau das, was die Leser gerade wollen und nirgendwo in den Buchhandlungen finden. Mit ein wenig mehr Mut, gibt es dann vielleicht zur Abwechslung einen deutschen Trend, der in die USA schwappt? Dem Vernehmen nach, kommt nämlich auch aus Amerika derzeit nicht das Next Big Thing, nach dem alle gieren.

Man kann auch Flauten und Frust auf dem Buchmarkt generieren, in dem man den Kreativen Fesseln anlegt.

Wie empfindet ihr Leser das? Mit vielen habe ich schon darüber gesprochen, aber hier liest sicher der eine oder andere mit, der seine ganz eigene Meinung zu Trends auf dem Buchmarkt hat. Wollt ihr wirklich immer das gleiche lesen? Seid ihr zufrieden damit, was euch Verlage als hip und angesagt präsentieren? Oder sucht ihr lieber nach den Perlen? Habt ihr Lieblingsautoren, die schreiben dürfen, was sie wollen, und euch trotzdem jedes Mal begeistern?

Und auch zum Schluss nochmal: Ich habe hier absichtlich vieles verallgemeinert, einfach, weil mir diverse Punkte davon immer und immer wieder sowohl bei der Kommunikation mit Agenten und Verlagen als auch in Gesprächen mit Kollegen und Lesern begegnen. Was nicht heißt, dass es nicht auch anderes laufen kann. Ich freue mich auch über Gegenbeispiele in den Kommentaren. Auf eine kontroverse Diskussion!

Liebe Grüße

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Hartz 4 und trotzdem Gymnasium und Uni?

GrafikHeute Morgen fand ich über zig Umwege den obenstehenden Tweet von @Faserpiratin und konnte nicht anders als draufzuklicken. Denn mein erster Gedanke war: Ja, warum denn auch nicht?

Samstag, 02. Februar 2013

Nachdem ich das Posting Wenn du dann studieren gehst ... gelesen hatte, war mir klar, dass ich in meiner Schulzeit entweder auf einer Insel der Glückseligen gelebt habe, oder dass sich heute alles zum Schlechten verändert hat (was mir meine Kinder nur zum Teil bestätigten, aber dazu später mehr).

Kindheit in den 60er und 70er Jahren

Ich war ein halbes Jahr alt, als meine Eltern mit mir in eine Sozialbausiedlung zogen, wie sie in den 60er Jahren überall in den Berliner Außenbezirken entstanden. Es war eine Siedlung in Zeilenbauweise. In unserem Karrée gab es drei- bis sechsgeschossige Häuser, dazwischen viel frisch angelegter Rasen und Spielplätze. Ein Stück weiter in Richtung Grundschule lag eine Straße mit Einfamilienhäusern. Keine Villen, sondern einfache Häuschen.

1970 bin ich eingeschult worden. In meinem Karrée - und somit in meiner Grundschulklasse (wir waren 41 Kinder!) - gab es mehrere Schüler aus Familien, deren Eltern sich Klassenfahrten u.ä. nicht leisten konnten. Zum Teil wegen Arbeitslosigkeit oder weil sie einfach mal 7 Kinder hatten. Ob diese Familien dann auch “vom Amt” überprüft wurden, wie es bei der Faserpiratin der Fall war, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis.

Akademikereltern gab es in meinre Klasse wenige. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass die Berufe der Eltern je Thema waren, außer bei einem Mitschüler, dessen Eltern ebenfalls Lehrer waren und sich auf Elternabenden wohl immer sehr aufplusterten, sonst hätte ich das nicht erfahren. Auch meine Eltern hatten “nur” mittlere Reife, und mein Vater war zwischendrin auch mal arbeitslos, weil die Firma, in der er angestellt war, pleite ging. Aber wie gesagt, das war nie Thema in der Schule und meine Mutter arbeitete ja auch, sodass zumindest ich keine finanziellen Einbußen bemerkte.

Unterstützung von Mitschülern und Lehrern

In der Klasse haben wir immer für die Mitschüler gesammelt, damit sie bei Klassenfahrten und Ausflügen mitfahren konnten (gibt es eigentlich heute noch die Spendensammlung für Schullandheime? Aus diesem “Topf” kam nämlich auch immer noch Geld) und glücklicherweise gab es noch Lehrmittelfreiheit, sodass nicht auch noch die Kosten für Bücher anfielen.

Außerdem haben wir von unseren Lehrern viel über Toleranz und angemessenes Sozialverhalten gelernt. Dann kam ich aufs Gymnasium. Das war nie eine Frage, weder für mich noch für meine Eltern, die zur Not ihr letztes Hemd dafür gegeben hätten, mir die Bildung zu ermöglichen, die ich mir mit meinen durchweg guten Schulnoten quasi verdient hatte. Und auch auf dem Gymnasium ging es ähnlich zu, wie auf der Grundschule. Dort gab es eine natürliche Durchmischung verschiedener sozialer Schichten. Keine Superreichen, keinen Markenwahn und ich kann mich an keine Ausgrenzung aus finanziellen Gründen erinnern. Dafür aber an etwas anderes:

“Arztpapis und Rechtsanwaltmamis”

In Berlin geht die Grundschule ja bis einschließlich 6. Schuljahr. Damals gab es auch noch keine Ausnahmen, allerdings war angedacht unsere Schule zum allerersten sog. “grundständigen Gymnasium” zu machen, d.h. zwei Klassenzüge sollten bereits ab der 5. und nicht erst ab der 7. Klasse beginnen. Für diese Schüler sollte dann auch Latein als Leistungskurs Pflicht sein.

Da war der Aufschrei unter uns Schülern groß. Die Befürchtung, nun würden “lauter Arztpapis und Rechtsanwaltsmamis ihre Kinder an unsere Schule schicken” wurde häufig laut geäußert. Wir wollten nicht, dass Bildung plötzlich ein Privileg der Besserverdienenden würde. Denn dass es diese Berufsgruppen wären, die darauf aus sind, ihre Kinder möglichst früh aufs Gymnasium zu bringen, das war uns rasch klar. Und die Reaktion lässt auch darauf schließen, dass Ärzte, Anwälte, etc. bei uns bislang nicht in Erscheinung getreten waren. Oder dass einfach niemand darüber geredet hat. Denn, wie gesagt, auch dort war Markenwahn bis dato unbekannt. Klar, manche trugen “Roots” (ich war von der Alternativen Fraktion), aber wer sich die nicht leisten konnte, wurde auch in seinen Turnschuhen nicht schief angesehen. Gedisst und gemobbt wurde natürlich trotzdem hier und da, auch wenn es längst noch nicht so hieß und auch nicht mit der Vehemenz ausgeübt wurde, wie sie heute offenbar üblich zu sein scheint. Aber nicht wegen Geldmangel. Wenn jemand keines hatte, dann konnte er nicht dafür, wieso ihn also damit ärgern? Offenbar gab es bei uns noch eine Hemmschwelle bei manchen Dingen. Wir haben aber auch nicht nachgetreten, wenn jemand schon am Boden lag, weder sinnbildlich noch buchstäblich. Etwas, das heute teilweise außer Kraft gesetzt scheint.

Kein Auto, kein Telefon, kein Urlaub? Nichts Besonderes bei uns

In meiner Clique war beispielsweise ein Mädchen, deren Eltern keinen Telefonanschluss hatten. Wir fanden das zwar seltsam (ihr Vater war angeblich einfach gegen diesen “neumodischen Schnickschnack” - Ende der 70er / Anfang der 80er *g*), aber es war halt so. Und Handys waren noch nicht erfunden. Wir haben sie deshalb aber weder gemobbt noch außen vor gelassen. Stattdessen haben wir uns entweder direkt in der Schule verabredet, oder eine von uns ist bei ihr vorbeigeradelt und hat sie informiert. Stundenlanges SMSen oder zig Messages via Facebook, bis man sich endlich auf einen Treffpunkt einigt und was man eigentlich machen will, nur um in letzter Minute alles wieder umzuschmeißen - das kenne ich nur von unseren Kindern. Gab es bei uns einfach nicht und war völlig ok so. Eltern ohne Auto waren auch nichts Besonderes.

Zeitgeist?

Ich habe mich natürlich gefragt, ob dieses relativ friedliche Zusammenleben daran lag, dass wir “alle sowieso nix hatten” (jedenfalls nichts, was andere hätte neidisch machen können). Oder ob uns unsere Mitschüler gleichgültig gewesen waren. Und ob das heute überall so ist, wie die Faserpiratin es erlebt hat.

Zum einen hatten wir tatsächlich offenbar alle etwas Besseres zu tun, als uns den Kopf darüber zu zerbrechen, welche Eltern Geld hatten und welche nicht. Wenn jemand einen gewissen Luxus besaß, wie etwa ein Ferienhäuschen im Ausland, dann deshalb, weil die Eltern in ihren “einfachen” Berufen hart dafür gearbeitet und ewig gespart hatten. Dafür gab es dann zu Hause eben öfter mal Bratkartoffeln.

Und wie ist es heute? Mein Liebster und ich (beide Akademiker mit Nichtakademiker-Eltern), wir sind weiter an den Stadtrand gezogen, in ein halbes Siedlungshaus, wo sich nun zwei Erwachsene und vier Kinder drängeln. Wir können uns einiges leisten, wissen aber auch, wie es war, als wir als Studenten mit 6 Mark am Tag zu zweit irgendwas Essbares auf den Tisch bringen mussten. Wir konnten nicht zu unseren Eltern gehen und sagen “Jetzt ist Wochenende, ich brauch ein bisschen Kohle zum Feiern”. Die hätten uns nämlich was gehustet. Für unser erstes gemeinsames Möbelstück (ein Hochbett, um in unserer Ein-Zimmer-Wohnung ein bisschen mehr Platz zu schaffen), sind wir nachts um drei aufgestanden und putzen gegangen. Unsere Kinder haben da schon deutlich mehr Luxus. Aber als ich sie gefragt habe, wie es denn bei ihnen in der Klasse ist, ob da Kinder sind, die aus finanziellen Gründen nicht mit zu den Klassenfahrten könnten, und wie sie denn damit umgingen, war ich über die Antworten erstaunt und erfreut.

Bildung nur für Reiche?

Es gibt nämlich auch heute an den Gymnasien Kinder, deren Eltern kein überflüssiges Geld haben. Als ein Mitschüler kein Geld für die Klassenfahrt hatte, hat man eben eine Lösung gefunden das Geld aufzutreiben. Keiner kommt auf die Idee, ihn deshalb schief anzusehen. Liegt es an der Klassengemeinschaft? Natürlich gab und gibt es dort Nervensägen, die es aufgrund ihrer Art anfangs etwas schwerer hatten sich zu integrieren. Aber auch diese sind mttlerweile selbstverständlicher Teil der Klassengemeinschaft; die Schüler setzen sich für sie ein und mögen sie. Und wenn sie dazu noch arm wären wie die Kirchenmäuse, würden die Mitschüler sich etwas einfallen lassen, wenn es um finanzielle Dinge ginge. Wer kein Geld für ein Geburtstagsgeschenk hat wird trotzdem eingeladen und muss nichts mitbringen. Ich finde es wirklich tröstlich, dass es offenbar noch Schüler gibt, die von ihrern Eltern so etwas wie Werte mitbekommen haben, auch wenn sie selbst eher privilegiert sind.

Ich habe aber auch schon von Grundschulmüttern gehört, die lieber keinen Antrag auf finanzielle Unterstützung bei Schulbüchern stellen, weil es vorkommt, dass Lehrer das vor der gesamten Klasse diskutieren und dann schon mal dumme Sprüche von den Mitschülen kommen. Dann wird das Geld für das nächste Schulbuchjahr eben centweise woanders gespart um dem Kind die erneute Schmach zu ersparen.

Vor diesem Hintergrund nimmt sich das, was die Faserpiratin bei ihrer Abiturfeier erlebt hat, besonders perfide aus:

Bei der Zeugnisvergabe bekamen dann unsere beiden Besten von der Schule eine nicht unerhebliche Summe Geld geschenkt. Eine Freundin aus ähnlichen finanziellen Verhältnissen und ich bekamen kaum den Mund zu. Wir beide hatten richtig gekämpft für unseren Abschluss und beide sehr gut abgeschnitten. Wir sind sehr früh selbst arbeiten gegangen - ich habe in den feinsten Häusern Nachhilfe gegeben. Wir hatten beide einen Studienplatz in Aussicht und wussten nicht, wovon wir da leben würden. Die beiden, die von unserer Schule mit Geld belohnt wurden, bekamen beide von ihren Eltern einen Laptop zum Abi.

Toleranz vs. Dummheit?

Fazit ist, ich habe nicht herausfinden können, welche Parameter gegeben sein müssen, damit sich “reiche” Kinder über Hartz 4- Kinder lustig machen. Vielleicht haben wir hier alle noch nicht genügend Kohle um die Arroganz gleich mitgepachtet zu haben. Möglicherweise muss man schon reich geboren sein (geerbt haben, wasweißich) und den Kontakt zur Wirklichkeit verloren haben um sich gegenüber denen aufzuspielen, die nichts dafür können, dass sie kein Geld haben.

Deshalb wüsste ich gerne von euch, ob ihr Ähnliches erlebt habt, wie das, was die Faserpiratin in ihrem wirklich lesenswerten Posting schreibt, sei es auf der Seite derer, die nichts haben oder als “neutraler Beobachter”. Denn dass die, die auf Hartz4-Familien herabsehen, sich hier melden, halte ich für eher unwahrscheinlich ;-)

Ich danke euch dafür, dass ihr bis hierher durchgehalten habt.

Tolerante Zeiten wünscht euch

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TXL forever!

GrafikDer eine oder andere wird schon gemerkt haben, dass ich auf den BER-Flughafen gepflegt pfeife, egal, ob er jemals fertig wird oder nicht. Ich brauche per ÖPNV zwei Stunden dorthin, im Auto immerhin noch eine Stunde. Und das zweimal pro Woche hin und zurück - nein danke.

Freitag, 25. Januar 2013

Zum Flughafen Tegel fahre ich zwölf Minuten, das dezentrale Check-in-System ist einfach genial und ich mag den kleinen Flughafen einfach. Ich bereue es inzwischen, keine Bürgerinitiative für die Offenhaltung von TXL gegründet zu haben, denn auch wenn der BER irgendwann mal für fertig erklärt wird, wird oft genug etwas so schief laufen, dass dringend eine Ausweichmöglichkeit gebraucht werden wird, weil sonst der Berlin-Tourismus massiv leiden wird. Und überhaupt - eine Metropole wie Berlin ohne zusätzlichen City-Flughafen, das geht einfach nicht!

Die BAYER-Pendler aus Wuppertal sagen schon, sie fliegen nicht mehr, wenn sie zum BER müssen, da geht Bahnfahren nämlich insgesamt schneller. Und wer weiß, wer noch alles den Flieger gegen die Bahn tauscht. Die ganze Sache ist im Prinzip mal wieder zur Provinzposse verkommen. Das können wir hier in Berlin ja ganz prima.

Ich wünschte, die ursprünglichen TXL-Pläne wären verwirklicht worden und man hätte das zweite Oktogon errichtet. Dann hätte man das steigende Passagieraufkommen besser im Griff. Und kommt mir nicht wieder mit Fluglärm: Ich bin in der Einflugschneise aufgewachsen. Würde kein Jet mehr über den Kutschi donnern, da würde mir was fehlen.

Reinickendorf lebt von und mit TXL, und ich hoffe inständig, dass der BER nie fertig wird. Zumindest nicht, so lange mein Liebster jeden Montag gen Zürich abflattert und donnerstags wieder in Berlin einschwebt. Das ginge dann nämlich nicht mehr, weil wir montagmorgens immer einen fetten Stau mit einrechnen müssten, womit aus der einen Autostunden dann doch mal locker zwei werden könnten. Und um halb vier aufstehen, wenn man bis mindestens 19:00 Uhr volle Leistung bringen muss, ist auch nicht witzig. Also müssten wir auf die gemeinsame Sonntagnacht verzichten. Hallo??? Und nur, weil jemand nicht kapieren will, dass TXL benötigt wird, auch WENN dieser BER-Unglücksflughafen je eröffnet wird. BER ist sowieso jetzt schon zu klein, wieso also diese Sturheit? Weil die Fluggesellschaften nicht flexibel genug für zwei Standorte sind? Weil jemand irgendwo ganz dick verdient, wenn nur BER offen bleibt?

Ich bin in diesem Fall gerne mal egoistisch, v.a. weil ich weiß, dass wir mit dieser Meinung nicht alleine sind.

Ja, das war mal ein Rant von mir. Und zwar anlässlich dieser wirklich witzigen Parodie Einer Lanz-Sendung, in der Markus Lanz mit Klaus Wowereit spricht. Peter Rütten hat den beiden neue Worte in den Mund gelegt und ich hab mich weggelacht. Natürlich geht es um den BER-Airport. Unbedingt anschauen, wer das Video noch nicht kennt!

Liebe Grüße

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Geld verdienen mit Blogs in Deutschland

GrafikEigentlich hätte ich schon wieder die Überschrift meines vorletzten Postings nehmen können: "Wir müssen reden!" Geld verdienen mit Blogs scheint in Deutschland ein Ding der Unmöglichkeit zu sein, während es in den USA durchaus an der Tagesordnung ist - entsprechenden Arbeitseinsatz vorausgesetzt (Content, Content und naochmal Content!). Einmal ist es ein Reichweitenproblem, nicht zuletzt wegen der Sprachbarriere. Es gibt einfach mehr englischsprechende Menschen als deutschsprachige. Aber zum anderen scheint es ein massives Mentalitätsproblem zu geben - und das lässt sich offenbar nicht so leicht beseitigen.

Montag, 07. Mai 2012

Ich schrieb im letzten Blogposting über die Session zur Blogvermarktung auf der re:publica, dass die Vortragenden keine neuen Ideen dazu hatten. Immerhin hat die Werbewirtschaft die Blogger entdeckt, seit Werbemöglichkeiten in Printmedien weniger werden. Und einige Marketingmenschen setzen sogar mehr auf die Relevanz des Blogs als auf die Reichweite.

So weit, so gut. Während es jedoch völlig selbstverständlich ist, in Printmedien eine bestimmte Summe für eine Anzeige oder gar einen redaktionellen Beitrag zu zahlen, wird selbst ein Millionenklickblog wie Frag die Gurus als “Honorarangebot” für einen Link oder gar ein Blogposting, noch immer mit Produktpröbchen abgespeist. Zwei Lippenstifte für ein Posting, das mehrere hundert Euro wert ist. Ich würde gerne mal das Gesicht einer Anzeigenverwalterin der - sagen wir mal BRIGITTE (Print!) - sehen, wenn eine Kosmetikfirma dort mit einem solchen Angebot um die Ecke käme. Aber wir Blogger sollen dafür sogar noch dankbar sein.

Biete Keks für Elefanten

Ja, Himmel - wann soll man denn je angemessen für die viele Arbeit entlohnt werden, die man mit der redaktionellen Bearbeitung der Blogs hat? Ich habe kürzlich an einem Posting mit vielen Fotos und extrem vielen Links (die ja auch erst einmal im halben Web zusammengesucht werden müssen) geschlagene fünf Stunden gesessen. Und das nicht, weil ich so langsam wäre, sondern weil ich meine Arbeit gewissenhaft mache und Bildbearbeitung und Verlinkung eben auch Zeit brauchen. Fünf Stunden, für die ich weder einen PR-Stundensatz noch ein mickriges Zeilenhonorar veranschlagen kann. Einfach, weil ich in dem Fall mein eigener Chef bin.

Natürlich macht mir Bloggen Spaß. Genau wie es dem Musiker, über den ich im vorletzten Posting berichtete, Spaß macht neue Songs aufzunehmen und auf Tour zu gehen. Claudia macht professionelles Fotografieren Freude, ebenso, wie es meiner Künstlerfreundin Susanne Spaß macht zu zeichnen. Carola baut gerne schöne Webseiten, ebenso, wie ich gerne Bücher schreibe. Oder Lesungen halte ...

Aber bedeutet es denn, dass man seine Arbeit zum Kotzen finden muss, damit sie angemessen bezahlt wird?

Und als hätte ich es geahnt, rief just während ich diese Zeilen schrieb (ohne Witz!) jemand an, der wieder wollte, dass ich gratis ein Blogposting in meinem Gartenblog über sein Produkt schreiben soll “weil ich die Werbeausgaben klein halten muss, ich hab ja erst vor drei Monaten angefangen”. Zum Teufel nochmal, ich blogge seit zehn Jahren und was habe ich finanziell davon? Monatliche Adsense-Einnahmen von knapp zwanzig Euro, aber das auch erst seit kurzem, vorher lagen sie im einstelligen Bereich.

Mag sein, dass ich etwas falsch mache, aber so lange auch die BlogLESER sagen: “Huh, in dem Blog steht irgendwo das Wort Shop, das ist ja kommerziell, und kommerzielle Blogs lese ich nicht!” (Leser belauscht, nachdem bauerngartenfee.de im letzten Jahr den ersten Platz bei der Superblogwahl belegte) wird sich auch nichts ändern. Alles gratis haben wollen, aber dann bitte auch ohne Werbung, so funktioniert das irgendwann nicht mehr.

Wobei das zwei verschiedene Paar Schuhe sind: einmal Gewerbetreibende, die im besten Fall Gratiswerbung erwarten, im schlimmsten Fall Gratiscontent und auf der anderen Seite Blogkonsumenten, die nicht mal Werbung sehen wollen, egal ob der Blogger dafür bezahlt wird oder nicht. Irgendwo läuft doch da etwas gewaltig schief.

Umdenken!

Ihr merkt ja auch, dass ich in meinen drei Blogs sehr unregelmäßig blogge. Ich würde problemlos nie wieder ein Buch schreiben (die Autorentätigkeit macht allerdings leider auch zu viel brotlosen Spaß ... s.o.) und meinen Lebensunterhalt komplett mit Bloggen bestreiten, wenn es denn funktionieren würde. Aber ich mache mir da langsam keine Illusionen mehr: So lange sich in der deutschen Mentalität nicht grundlegend etwas ändert, würde ich dabei verhungern.

Virtuelle Werbung wird weiterhin zunehmen

Aber kann das wirklich das Ende der Fahnenstange sein? Wir stehen erst ganz am Anfang des Internetzeitalters, verglichen mit der Menschheitsgeschichte. Auch wenn meiner Meinung nach weder Printmagazine noch papierene Bücher je ganz aussterben werden (dazu gibt es zu viele Papierschnüffler *g*), wird das Segment kleiner werden. Damit werden die gedruckten Werbemöglichkeiten weiter eingeschränkt und die Online-Werbemöglichkeiten müssen zwangsläufig erweitert werden.

Also muss weiter an der Akzeptanz von Blogs gearbeitet werden. Einer der Vortragenden der Blogvermarktungssession sagte sinngemäß, dass er auch “tote” Blogs kauft und mit Werbung bestückt, denn “Werbung, die irgendwo steht, wird auch von irgendjemandem wahrgenommen”. Und je häufiger man ein Markenlogo sieht, umso eher hat man es im Kopf. Dazu muss man kein Werbefachmann sein. Firmen könnten also auch Bannerplätze oder Textlinks in Blogs mit einigen hundert Lesern täglich kaufen. Dass man die anderes vergütet als Blogs mit Millionen von Klicks, ist klar. Aber so können sich Blogger Zeit für mehr Blogbeiträge kaufen. Denn professionelles Bloggen ist ein Fulltimejob.

So wie ich momentan blogge, nämlich, wenn ich Lust dazu habe, oder mit höherer Frequenz und höherwertigem Content, wenn ich wieder mal versuche, ob sich die Einnahmen nicht doch irgendwie steigern lassen, kann ich natürlich kein Einkommen erwarten, das dem eines Managers entspricht. Aber ich bekomme auch nicht annähernd so viel, wie eine Gelegenheitsputzfrau. Stundenlohn? Hier bitte hysterisches Gekicher einfügen (das könnt ihr auch im Hinterkopf behalten, wenn ihr mal wieder einen Schriftsteller fragen wollt, ob er vom Schreiben leben kann). Die Adsense-Einnahmen bei hoher und niedriger Veröffentlichungsfrequenz machen vielleicht vier Euro Unterschied im Monat aus.

Und Affiliate-Links?

Nachdem Google vor einigen Monaten seinen Algorythmus grundlegend änderte, sind einige six-figure-income-Blogger in den USA unsanft erwacht, weil ihre Adsense-Einnahmen so dramatisch zurückgegegangen waren. So haben sie ihre Strategie überdacht und vermehrt auf Affiliate-Links gesetzt, allen voran Amazon. Das mag vielleicht in den USA und hierzulande bei Elektronik-Testblogs ganz gut laufen, wie z.B. netbooknews.de. In meinen Blogs funktioniert es nicht. Und bei vielen anderen auch nicht. Ebenso wenig wie mit anderen Affiliate-Link-Anbietern, wo ich aus sicherer Quelle weiß, dass auch dort die Einnahmen deutlich zurückgehen, auch bei hochklickigen Blogs.

Sind die Deutschen werbemüde?

Das wage ich nicht zu beurteilen. Ich latsche so tunnelblickartig durch die Welt, dass ich ohnehin nur Dinge wahrnehme, die mir quer in den Weg springen und ich zwangsläufig drüber fallen muss. Ich bin also kein Maßstab. Aber ich weiß von anderen, dass sie manchen Bloggern den Klick auf z.B. einen Amazonlink einfach nicht gönnen. Echt. Da suchen sie lieber direkt auf Amazon. Unglaublich eigentlich. Und sooo deutsch. Vielleicht hat deshalb auch Flattr nicht so wirklich funktioniert, das Micropaymentsystem, das im Grunde die eingezahlten Beträge der daran teilnehmenden Blogger in der Blogosphäre einmal im Kreis umverteilt.

(Update v. 14.02.2013: Offenbar hat Flattr die Flaute überwunden, siehe Was ist eigentlich Flattr, und weshalb sollte man da mitmachen? Überhaupt scheint sich in den letzten Monaten in der Sichtweise zum bezahlten Bloggen einiges zu bewegen, wie auch die Diskussion um die Unterscheidung von Blogger und Branded Content-Autor zeigt)

Ich habe insgesamt den Eindruck, dass das Grundproblem in diesem Land eher im Nicht-gönnen-Können liegt. Im Gegensatz zu vielen anderen Bloggern verlinke ich tatsächlich auf interessante Blogbeträge von Bloggern, auch und gerade, wenn sie im selben Segment bloggen. Viele andere tun das nicht. Extremer Linkgeiz herrscht hierzulande, dabei lebt das Internet von Verlinkung, sonst wäre es doch kein Netz sondern ein Haufen von parallel verlaufenden Einbahnstraßen.

Das ist auch so einne Binsenweisheit, aber offenbar kann man es ja gar nicht oft genug sagen. Wenn mir ein Blog gefällt, kommt es auf meine Blogroll. Gerade auf bauerngartenfee.de ist es auch gleichzeitig eine Erinnerungsroll, damit ich nicht vergesse, wo ich gerne vorbeischaue. Das sind die Links, die man setzen sollte, ebenso wie Links auf bestimmte Blogbeiträge.

Linktausch? Najaaa…

Kommt dann aber jemand mit einem Linktauschangebot, ist es meist jemand, der etwas zu verkaufen hat und sich kostenlose Werbung erhofft. Ich bin durchaus auch Gabstbeiträgen gegenüber offen, sowohl bei mir im Blog als auch meine Beiträge woanders. ABER: Nicht, so lange ich damit wieder kostenlos für ein Produkt werbe.

Was ich auch dreist fand: Ich wurde um einen Linktausch gebeten. Ich verlinke normalerweise nicht auf Aufforderung, aber thematisch passten die Blogs ganz gut, auch wenn das jetzt nicht mein Lieblingsblog geworden wäre. Ich habe also die Seite in meiner Blogroll (in diesem Fall bei Treffpunkt Twitter) aufgenommen. Statt eines Backlicks kam der Blogger plötzlich mit einem Pagerankvergleich um die Ecke und forderte (!) deshalb einen zweiten Link zu seinem Blog, und zwar in einem viel geklickten Blogbeitrag. Den ich der VG-Wort gemeldet hatte und den ich nicht verändern werde, weil sonst der Zähler wieder auf Null gesetzt wird. Wer den Hintergrund nicht kennt: Damit ein Blogbeitrag bei der VG Wort (eine Art GEMA für Autoren) vergütet wird, muss er erst eine bestimmte Anzahl an Klicks erreichen.

Wie gesagt, ich verlinke normalerweise gerne, weil das ja auch wichtig ist, aber das war garantiert das erste und letzte Mal, dass ich auf ein Link"tausch”-Angebot eingegangen bin. Ich suche mir selbst aus, wen ich wie verlinken möchte. Und zwingen lasse ich mich zu gar nichts. Das hat mit dem oben von mir erwähnten Linkgeiz auch nichts zu tun, sondern damit, wie Menschen miteinander umgehen.

Wenn ich also in einem Blog ein interessantes Posting entdecke, werde ich auch weiterhin dafür sorgen, dass es in einem meiner Blogs erwähnt und verlinkt wird. So, wie es auch sein sollte.

Fazit

Wir haben also den Geiz der Gewerbetreibenden plus den Linkgeiz der Blogger. Beides ist nicht wirklich hilfreich, wenn man als Blogger in hoher Frequenz Qualität liefern möchte. Der Widerwillen gegen Werbung bei Bloglesern ist eine weitere Hürde, zumindest für die Blogger, die die Befürchtung haben, dadurch leser zu verlieren. Es muss dringend auf allen Seiten ein Umdenkprozess einsetzen, dann kann jeder davon profitieren. Die Werbewirtschaft findet neue Plattformen und vielleicht sogar neue FORMEN der Werbung. Die Blogosphäre wird um intressante Beiträge reicher, und auch kleine Blogs könnten wenigstens einen Teil ihrer Unkosten wieder einspielen.

Dazu wäre ein bisschen mehr Einigkeit und Großzügigkeit nötig.

Aber das kriegen wir hin, oder?

Grafik: © Petra A. Bauer, 2013



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